...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Zwei Esel auf einmal

01.08.2014 19:33

 

Ich seh' nur einen, wird der Leser sagen;

Ich seh' ihn hintenaus gewaltig schlagen,

Als wollt' er einen Mann im Kot begraben;

Was mag ihm der zu Leid getan wohl haben?

 

Das eben ist's, Du lieber Leser mein,

Daß ich gesprochen hab' von Eseln zwein.

Du glaubst, ich hätt' geirrt mich in der Zahl?

Nicht doch, hier sind zwei Esel auf einmal!

Sieh, der so eben auf zwei Beinen steht,

Und's Hinterviertel nach dem Baume dreht,

Der tat ganz ruhig seine Straße gehen,

Ohn' auf die Sümpf' und Pfützen viel zu sehen,

Die häuf'ger Regen da hervorgebracht,

Denn solch ein Wesen darf ja gar nicht Acht

Auf seine schuhe ha'n, die nie zerstücken,

Und die der Schuster niemals braucht zu flicken.

 

Dicht hinter ihm der and're Esel geht,

Der an dem Baum' auf einem Beine steht,

Und da der Vordermann ihn tat bespritzen,

Wie sie marschieren beide durch die Pfützen,

So denket jener, es geschieht mit Fleiß,

Und stracks er sich dafür zu rächen weiß.

Er schleudert Schmutz auf seinen Vordermann,

Da Stoffel aber so nicht viel gewinnen kann,

So ist er froh, als er den Baum erreicht,

Der nun die Rache Stoffeln macht sehr leicht.

 

Wie er sie ausführt, zeiget unser Bild,

Auch wie der and're Esel ihm vergilt.

Und wer den Kürzern zieht von unsern Eseln zwei'n,

Darüber kann man nicht im Zweifel sein.

Zuletzt wirft noch der Esel mit der Mütze

Den einen Latschen über jene Pfütze,

Die ihn so reichlich schon mit ihrem Schmuck geehrt.

Ein böses Zeichen! Wenn's sein Weib erfährt

Durch die zwei Buben, die von ferne sehen

Die Eselei, wie wird's ihm da ergehen?

 

Was uns're Fabel lehrt, das ist wohl klar;

Ein Esel nämlich ist und bleibt fürwahr,

Der's auch so macht, wie unser dummer Wicht,

Und hab' er gleich ein noch so klug Gesicht.

Das Unvermeidliche muss man ertragen,

Denn wenn nach ihm man hinten aus tut schlagen,

So wird das Übel, wie wir seh'n, nur größer;

Laßt es auf sich beruh'n, das ist viel besser. -

 

Ganz klugen Leuten auch passiert's zuweilen,

Daß sie nach kleinem Übel mit den Füßen keilen.

Ihr Esel, denkt an unsern dummen Stoffel;

Das Schicksal schwingt dann grimm'ger den Pantoffel!

 

(entnommen aus "Leitmeritzer Allgemeiner Schreib-, Haus- und Wirthschafts-Kalender auf das gemeine Jahr 1843")

 

 

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