...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Vom "Eyerlesen"

26.01.2014 15:45

Vor Zeiten, als es in Breslau noch "Zünfte" gab, feierte die Tuchmacherzunft ein seltsames Fest in der Osterzeit. Das schönste Jungfräulein wurde ausgewählt, sie hieß "Kränzeljungfrau". Aus dem Fenster ihrer Wohnung ließ sie einen Kranz an langer Stange heraushängen. An diesem Kranz war ein feines Kränzchen befestigt, und an diesem wiederum hing eine Zitrone. Die Meister der Tuchmacherinnung kamen im feierlichen Festtagsgewand, in roten Wämsen mit Silberborten daran, mit samtenen Schulterkragen, oftmals verbrämt mit kostbarem Hermelin, mit der goldenen Zunftkette um den Hals. Die Meister nahmen vor dem Fenster der Kränzeljungfrau Aufstellung. Posaunen verkündeten das Nahen der Zunftgesellen, der jungen Tuchmacher. Einer war zum "Laufer" ausersehen. Der tat vor und zielte mit dem Degen nach dem Kränzlein, an dem die Zitrone baumelte. Oh, einfach war das nicht! Da stand nämlich einer im Zimmer des schönen Mägdeleins und ließ Kränzchen und Zitrone auf- und niederwippen. Wie sollte der Degen das Ziel erreichen? Es kam wohl vor, daß einer beschämt abtreten mußte, und an seiner Stelle ein anderer gewählt wurde. Gespannt verfolgten die Zuschauer das Spiel, und ein Jubel ohnegleichen brach aus, hatte der Gesell endlich das Kränzlein mit der Zitrone getroffen und aufgefangen. Inzwischen hatten die Gesellen dreißig Stück hartgekochte Eier in Abständen bis zur Elisabethkirche auf die Straße gelegt. Der "Laufer" sollte nun versuchen, als erster an der Kirchentür zu sein. Oder - gelang es dem "Aufleser", die Eier in seinen Korb einzusammeln, bevor der Laufer das Ziel erreichte?! Ein Wetten begann: Der Laufer? Der Aufleser? Es war ein lustiges Hin und Her! Der Gewinner aber durfte die Kränzeljungfrau zum Tanze holen...

Ein Volksfest, ja, aber doch mit tieferem Sinn. Dreißig Eier bedeuten dreißig Tage, einen Monat also. Vor Zeiten sannen die Menschen viel dem Mond nach, und brachten die Schicksale mit ihm in Verbindung, und auch dies "Eyerlesen" hängt wohl mit ihm im Zusammenhang. Das Ei ist seit eh und je das Zeichen der Fruchtbarkeit, aus dem Ei entsteht neues Leben... Am Beginn des Frühlings wünscht sich jeder Fruchtbarkeit - Glück - Freude...

 

(ß -

entnommen aus "Der Schlesier - Der Heimatbote für alle Nieder-, Mittel- und Oberschlesier", April-Folge 3, Ostern 1962)

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