...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!
Sudetendeutsches Stammesleben
31.01.2014 14:50Emil Lehmann
Man hat von zahlreichen Punkten der Gebirgsumwallung Böhmens prächtige Ausblicke ins Land hinein. So auch von dem vielbesuchten "Hohen Schneeberg" bei Bodenbach, der ja gar nicht so hoch ist unter den Schneebergen der Erde, sondern einer der niedrigsten: Er misst nur 721 Meter, nicht mehr. Und eigentlich ist er auch gar kein rechter Berg. Er gehört zum Elbsandsteingebirge Nordböhmens, durch das sich der Elbefluß seinen Ausgang nach Sachsen gebrochen hat. Das war ehedem eine Sandsteintafel, die erst nachträglich durch die Gewässer so zersägt worden ist, daß die stehengebliebenen Teile als Berge erscheinen. Aber doch ist die Aussicht vom Schneebergturm sehr lohnend. Man sieht über bewaldete Felsenwände hinab in solche tiefeingeschnittene Täler, deren Bäche immer einmal in Jahrzehnten wütend überschäumen, um das Werk der Gebirgsbildung ruckweise fortzusetzen. Jenseits aber steht eine malerische Dreiergruppe dunkelbegrünter Hügel geruhsam da, im weiteren Rund umgeben von den Elbehöhen. Nach Westen schließen sich die schöngeformten Kegelberge des Mittelgebirges an und auch im Osten ragen einzelne Berghäupter empor, bis zum Jeschken hin und zur Schneekoppe, die man an besonders klaren Tagen sehen soll. Und überall ist dies schöne, reichgegliederte Land wohlbestellt und dicht besiedelt, von Deutschen besiedelt. Soweit Böhmen schön ist, landeinwärts, soweit war es deutsch - von der Erzgebirgswand im Nordwesten über das fruchtbare Becken davor zum Mittelgebirge, dem Duppauer Basaltgebirge und dem Kaiserwald, im Nordosten von den schlesischen Randschollen aus, die auch das deutsche Nordmähren und Schlesien ausfüllen. Deutsch war auch unser herrlicher Böhmerwald, deutsch waren die Flußtäler Südmährens. Nur vereinzelt griff tschechisches Wohnland bis zur Staatsgrenze vor, nur an einzelnen Stellen erstreckze sich deutsches Heimatgebiet über Berg- und Hügelland weiter ins ebene Innere.
So saßen die dreieinhalb Millionen Sudetendeutschen auf schöner Heimaterde, die ihnen aber schon darin zum Schicksal wurde. Denn schön heißt: Mannigfaltig, verschiedendartig. Da zerteilen die Bergzüge das Land, da verteilen sich die Siedlungen auf rahe Gebirgskämme, auf ringsum geschützte Becken, auf anmutiges Hügelgelände und wieder auf offenere Hochflächen. So leben sie überall für sich, voneinander abgeschlossen und abgewandt in den kleinen Bezirksheimaten. Sie hatten keinen überragenden Mittelpunkt, der, wie das "tschechische" Prag, das an sich schon geschlossenere und gleichförmigere "tschechische" Binnenland zusammenfasste. Und das schönere Land war zugleich auch das landwirtschaftlich ungünstigere. Das blieb den Deutschen, als sie im Mittelalter in diese Gebiete einströmten, die ja schon vor der Völkerwanderung ein halbes Jahrtausend Germanenland gewesen waren. Da konnten die Deutschen im Grenzwalde von der Landwirtschaft allein nicht leben, da kam ihnen der Bergbau zu Hilfe, und vielerlei Heimarbeiten und Großgewerbe mußte ihnen helfen. Am verbreitetsten darunter war wohl die Weberei, am berühmtesten die Glaserzeugung.
Auf mehrere deutsche Stämme verteilten sich bekanntlich die Deutschen. Es waren Bayern, Obersachsen und Schlesier, wozu noch die für sich stehenden Sprachinselleute im Osten, vor allem in der Slowakei und in Karpatenrussland, kamen. Bayerisch redeten die Böhmerwäldler und Südmährer, und zwar mittelbayerisch, wie die angrenzenden Teile von Nieder- und Oberösterreich sowie von Bayern selbst. Nordbayerisch ist die Sprache der Egerländer, die in der alten Stadt Eger mit ihrer Hohenstaufenburg die Hauptstadt hatten.
Über das Erzgebirge herein griff das Obersächsische, das sich im Westen mit dem Egerländischen, im Osten mit dem Schlesischen mischte. Dem Schlesischen gehörte der ganze langgestreckte Nordostrand vom "Böhmischen Niederland" bis zum Kuhländchen im Nordostzipfel Mährens an. Diese ober- und mitteldeutschen Stammeszweige hatten ihre natürlichen Mittelpunkte außer Landes, in Wien, Linz und Regensburg, in Nürnberg, in Leipzig und Dresden, sowie in Breslau. Prag war nur die politische Hauptstadt und ein Verkehrsschnittpunkt.
Diese Deutschtumszweige, die wieder in kleinere scharfgeprägte Volksschläge zerfielen, heben sich deutlich von einander ab. Das war für den Wanderer überall wie mit Händen zu greifen. Im Egerland war es ein kräftiges Bauerntum, das den Ton angab, nicht nur in den etwas unregelmäßig angelegten Dörfern, sondern auch in den behäbigen Handwerkerstädtchen und in Eger selbst, diesem Klein-Nürnberg, durch dessen altertümliche Gassen und Gässlein doch überall eine frische Landluft strich. Ja selbst in den neueren Fabriksorten und in den Weltbädern Karlsbad, Marienbad und Franzensbad ließ sich die bäuerliche Lebensgrundlage des Egerlandes nicht verleugnen. Es war aber auch eine sehr erfreuliche Entfaltung, die das alte Bauerntum hier gefunden hatte. Auch Goethes Auge ergötzte sich an den stattlichen Vierkanthöfen mit den hölzernen Taubenhäusern inmitten, deren Giebelwände in reicher Fachwerkzier prangen. Dem Äußeren entsprach auch der Reichtum der Innenausstattung mit schönem Holzgerät, mit buntgemalten Truhen, Schränken und Betten. Reich entfaltet war auch die Volkstracht in den Egerlandgauen, von der heute freilich nicht mehr viel erhalten ist. Breit und behäbig ist auch die egerländische Mundart, deren zahlreiche Zwielaute wie Loi(b) für Liebe und Rou für Ruh. Reich ist hier noch immer die volkstümliche Überlieferung, der Schatz an Volksliedern, Sagen, Bräuchen, die Fülle derbhumoristischer Geschichten und Redensarten. Wohlentwickelt war hier auch der Sinn für die eigene Art und für deren Pflege. Nicht umsonst beginnt die Stammeshymne "Eghalanda, halt's enk z'samm!"
Überall in der Fremde, wo ein paar Landesleute beisammen waren, gründeten sie ihre "Eghalanda Gmoi(n)". Sie lebten ein starkes Gemeinschaftsleben, in dem sich alles breit nach außen darstellt, so besonders auch auf ihren Festen. Und solange ihre Gemeinschaft geschlossen ist, werden sie auch mit dem Fremdtum leicht fertig - anders freilich, wenn es einmal bei ihnen Fuß gefasst hat.
Im Böhmerwald waren es nicht so sehr die Bauern, der mehr landeinwärts gelegenen Dörfer, noch die malerischen Städtchen an den alten Landestoren, sondern die Einödbauern auf den Höhen und die Holzarbeiter im Wald, die den Stamm bestimmten. Der Hochwald in seiner Einsamkeit, mit seinen herrlichen Seen und die Arbeit im Wald formten die Menschen, die schon manche älperische Züge trugen. Es waren arbeitsame, rüstige, dabei genügsame und gemütreiche Menschen, die hier wuchsen. Der Wald ist voller Sagen und die alten Volksschauspiele wurden hier am längsten gespielt. Der Wald ist aber auch vin Schauern erfüllt, er ist ja der Schauplatz der Wolfsschlucht, die aus dem "Freischütz" bekannt ist. Heller, freundlicher, beweglicher ist das Volkstum Südmährens, in dessen Mundart die häufigsten ui auffallen, wenn von der Rui gesprochen, wenn ein "Guiter Tag" geboten wurde. Diese Südmährer waren dieselben Menschen, wie die angrenzenden Niederösterreicher; sie bauten an der Thaya ihren Wein und ihr Gemüse und lebten stillfriedlich dahin.
Auch nach Norden und Nordosten grenzte ein viel weicherer Stamm an die Egerländer, die nordböhmischen Obersachsen. Im Erzgebirge stießen an die breiten Zwielaute des Egerlandes recht unvermittelt die hellen, hohen, klaren a, i und u, die hier der Mundart das Gepräge gaben. Es ist ein verstandeshelles, bewegliches Volkstum, das sich hoch oben auf rauhem Gebirgskamm in rührender Heimatliebe hielt, immer Aussschau haltend nach neuen Formen der Heimarbeit, durch die sich zu Brot und Kartoffeln und Kaffee das sonst noch unentbehrlichste hinzuerwerben ließ. Freilich, die Lebensformen dieses Stammeszweiges war so verschieden, wie ihre klimatischen und landschaftlichen Lagen. Unten im geschützten Gebirgsvorland grüßten die gleichen Laute aus dem Munde wohlgestellter Bauern, denen ein blühender Obstbaum seinen Segen auf die Felder warf. So war es besonders an der Elbe, durch deren herrliches Tal die Schifflein nordwärts zogen, so war es im Saazerland, dessen Hopfen weltbekannt ist. Dazu kommt noch eine reichentwickelte Industrie, die sich auf den Braunkohlenbergbau gründet. Dieser Bergbau verwüstete allerdings das schöne Land, die Rauchschwaden der Fabriken hüllten die Obstbäume in Nebel, die Proletarierviertel drängen die Biedermeiergäßchen der Städte, die anmutigen Fachwerkhäuschen des Landes zurück. Und zersetzt und durchsetzt wurde auch der Bevölkerungsaufbau, so daß hier tschechische Gemeinden in ehedem rein deutschen Gebieten entstanden. Der an sich schon weich angelegte Stamm war in seiner nationalen Widerstandskraft nicht unbedenklich bedroht.
Da ist ein Glück, daß schon östlich der Elbe, mit seinen schweren, festeren Blockhäuschen, sich wieder ein härterer Menschenschlag anschloß: Das "Böhmische Niederland". Es hatte in alten Hauptsitzen der böhmischen Leinenerzeugung, in Rumburg und Warnsdorf, seine Vororte. Es war ein Stück Lausitz in Böhmen. Da lebte ein scharf aufs Wirtschaftliche eingestelltes Sudetendeutschtum, das nüchtern rechnete und handelte, um sich durchzusetzen. Als Gegengewicht war ihm indessen die zierlich-spröde Kunst der Glaserzeugung gegeben. Und vom Wirtschaftsalltag schwang die Seele ins Innerlich-religiöse hinüber. So waren es schon Kennzeichen des Schlesierstammes, die hier auftraten.
Der sudetendeutsche Schlesier siedelte in einer ganzen Reihe kleinerer Landschaften, die nach den einzelnen Gebirgszügen benannt sind. Sie beginnen mit dem Jeschken- und Isergebirge, es folgt das Riesengebirge, von Bergen eingerahmt wie ein Saal liegt das Braunauer Ländchen dazwischen, und dünn und ärmlich ist die Siedlungskette des Adlergebirges. So ist in der Mitte, an der Grenze von Böhmen und Mähren nur ein schmaler Zusammenhang. Das nordmährische Land und das kleine Schlesierländchen nordwärts davon gruppieren sich um den prächtigen Gebirgsstock des Altvatergebirges. Die Deutschen all dieser Gaue, ob sie nun in reichen Städten wohnten oder in den langgestreckten Dörfern siedelten, waren doch echte Schlesier in der eigenartigen Doppelveranlagung dieses Stammes. Sie hingen stets an der Heimatscholle und waren doch genötigt, weit in die Welt hinauszuziehen, ihr Brot zu verdienen. Sie waren rührig und unternehmend, wenn es galt, sich geschäftlich durchzusetzen, aber daheim wieder inneren Dingen zugewandt.
Sie reden gern und singen gern und können doch auch wieder still sein, so still wie ihre Wälder. Sie waren ein Stamm der Sprachgrenze, seit alter Zeit als Gebirgsbewohner gezwungen, mit den anwohnenden Fremden zu wirtschaften und sich da draußen scharf zusammenzunehmen. Aber sie sind auch befähigt, wenn es sein muß, jeder für sich und auch sich gestellt, in der deutschen Art sich zu behaupten.
(entnommen aus dem "Buchkalender für Sudeten-Schlesien und Nordmähren 1997")
—————
