...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!
Ostpreußische Stint
29.01.2014 17:16Von Betty Römer-Götzelmann
Bei uns in der Familie, aber ich denke, es wird in vielen ostpreußischen Haushaltungen so gewesen sein, war das Stintgericht ein Heiligabend-Festtagsmahl. Ich sehe uns noch in der guten Stube; mitten in ihr stand auf dem Tisch der hellerleuchtete Weihnachtsbaum, und wir saßen an einem hereingetragenen zweiten Tisch an der Ofenbank und warteten auf die von Großmamachen gekochten Delikatessen. Ein wahrer Gaumenschmaus waren ihre dampfenden, silbern blinkenden Stint, kleine Fischchen. In meinem Lexikon werden darunter die Spierlinge beschrieben, lateinisch Osmerus eperlanus, die 20 bis 30 Zentimeter lang sein sollen, eine Art Lachsfisch aus der Biskaya oder Ostsee. Ob er das war? Vielleicht klärt mich mal ein Fischer oder Angler auf...
Ich stand einmal als junge Frau kurz vor Weihnachten auf einem Wochenmarkt im Sauerland vor dem Fischstand. Plötzlich krakeelte eine alte Ostpreußin los; es klang für mich wie eine lang verlorene Heimatmelodie: "Dat solle Stint sen, Dammelskopp sen ju! Se hebbe gesecht, se kenne mi Stint besorge, dat sen allet annere als Stint. Da kamm man sich ja dran vergruhle. De kenne se sich enne Punz stecke." Und damit schob sie, immer noch vor sich hinbrummelnd, von dannen.
Alle Umstehenden amüsierten sich über die alte Ostpreußin. Es klang aber auch wunderschön, was die alte Frau da in ihrer Enttäuschung und in ihrem Ärger los stieß! Na ja, und für meine geschulten ostpreußischen Ohren war es eine Vorweihnachtsfreide und die Erinnerung an Schnee, Schlittenfahren, Knecht Rupprecht, Gänsebraten und Stintgericht. Und das schlimme Schimpfwort, so hoffe ich, haben die Einheimischen nicht verstanden.
Nein, Stint kann man hier nicht kochen. Diese Kunst ging unter wie unser schönes Ostpreußen mit dem Stinthengst zu Nikolaiken. Das wird es sein! - Er findet keine "Stuten" mehr, um sie zu begatten.
(entnommen aus dem "Ostpreußenblatt", 28.November 1998)
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