...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Liebfrauenmilch

24.05.2014 11:07

"Saßen all' auf dem Verdecke,

Fuhren stolz hinab den Rhein!"

So singt einer neuerer deutscher Dichter. Seine Worte rufen uns die ganze Herrlichkeit des Vater Rhein in Erinnerung. Die schöne Wasserstraße bei Worms nun war einst der Tummelplatz der größten Helden, von welchen das deutsche Lied singt; denn in dieser Gegend, wo das Rheingold uns im Strahl der Mittagssonne so leuchtend entgegenblinkt, hausten die Nibelungen, ist der Nibelungenschatz, der Nibelungenhort, in den Rhein versenkt worden.

- Wie uns die Reben anlachen von den Ufern des Rheins!

Hier zu Worms am Rheine hat sich auch einst Kaiser Max fröhlich in der Schar der Fürsten unter Trompetenklange am Weine gelabt, und es ist wohl zu glauben, daß dabei der Kurfürst von der Pfalz zu den anderen Fürsten gesprochen habe:

Ihr Herr'n, wer rühmt sich ein Erbe sein

Gleich mir? Von meinen Höh'n ergießt

Aus vollem Borne sich der Wein,

Der allen heut zur Labe fließt. -

Wie herrlich ist's, von diesen Höh'n

Hinunter nach dem alten Rhein

Auf's fruchtgeschwellte Land zu seh'n

Bei einem solchen Glase Wein!

Zu diesen Rebgeländen, die sich bei Worms dem Auge des Reisenden darbieten, gehört auch die Stelle, wo die Liebfrauenmilch wächst. Diesen Namen erhielt der Wein bei folgender Begebenheit:

Einst lebte ein Ritter zu Worms in Saus und Braus. Er war zuletzt verarmt. In dem baufälligen, mittelalterlichen Gebäude, welches er von seinen Vorfahren ererbt hatte, saß er halb trunken und leerte die letzte Kanne Weins aus dem väterlichen Weinkeller. Da erschien, gleichfalls in ritterlicher Kleidung, ein geheimnisvoller Gast. Der Ritter von Worms bot ihm zu trinken an und rühmte dabei den alten, schon von seinen Vorfahren aufgesparten Wein. Der Fremdling kostete, sagte aber, das sei noch nichts; fern im Süden, weit von Worms, habe er einen Wein gefunden, der wie Feuer durch die Adern der Menschen rolle und mit dem sich der Wein in dieser Kanne noch lange nicht vergleichen könne. Da wurde der Ritter unruhig, denn er liebte den Wein gar sehr.

Als der Fremdling das bemerkte, sagte er, es könne wohl Rat werden, daß der Ritter auch von dem feurigen Wein kosten dürfe. Ja, er wolle ihm bei der Liebfrauenkirche einen ganzen Weinberg mit solchen Wunderreben hinzaubern, wenn er ihm seine Seele dafür verschreiben wolle. Dabei ließ der Fremde den Ritter seinen Pferdefuß sehen, denn er unheimliche Gast war der Teufel.

Mit Entzücken sah der verarmte Ritter in Gedanken auch schon unweit der Liebfrauenkirche die grünen Rebengelände in der Flur, die bis dahin wüst gelegen hatte. Er war in diesem Augenblicke seiner selbst nicht mehr mächtig und verschrieb ohne Zögern dem Teufel seine Seele, worauf dieser verschwand.

Sofort eilte der Mann nach seinem Weinberg. Schon standen die Reben in schönster Blüte. Der Sommer wurde immer goldiger und heißer, und unter fröhlicher Musik konnte der Ritter im Herbst darauf die schönsten Trauben keltern. Als er aber den ersten Becher auf seinem Weinberge leerte, tönte ernst und feierlich das Geläut der Liebfrauenkiche zu ihm herüber. Da beschloß er, den köstlichen Wein, welchen er geerntet hatte, Liebfrauenmilch zu nennen, zu Ehren der Mutter Gottes, nach der das Gotteshaus benannt war.

Nach einem Jahre erschien der Teufel wieder bei dem Ritter, seine Seele in Empfang zu nehmen. "Folge mir", sagte er zu ihm, "denn du hast nun einen schönen Jahrgang von dem Blute der Reben genossen, die ich dir schenkte. Deine Freunde und Verwandten werden ihn nach deinem Tode ungestört trinken, über sie habe ich keine Macht mehr, doch deine Seele soll mir nicht entgehen. Wie nanntest du den köstlichen Trank, den du ihnen hinterlässt?" - "Liebfrauenmilch", antwortete der Ritter. Bei Nennung des Namens der heiligen Jungfrau verschwand der Teufel, denn damit war ihm die Macht über die Seele des Ritters genommen. Dieser war gerettet und kelterte und trank bis an sein Lebensende mit seinen Freunden den lieblichen Wein Liebfrauenmilch.

 

(entnommen aus "Rheinland-Sagen - Der deutschen Jugend erzählt von Heinrich Pröhle", vermutlich Nachkriegszeit)

—————

Zurück