...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!
Laetare
26.01.2014 16:27Laetare heißt: Freue dich! So beginnt am 4.Fastensonntag im Römischen Meßbuch das Eingangsgebet. Davon hat dieser Sonntag seinen Namen. In der "ewigen Stadt" beschenkte man sich an diesem Tage mit Rosen. Dort nannte man ihn den "Rosensonntag". Noch heute weiht der Papst an diesem Fastensonntag eine goldene Rose, die meist einer hohen Persönlichkeit als Ausdruck besonderer Wertschätzung zugedacht ist. So ist der bei uns als "Sommersonntag" gefeierte vorösterliche Tag eigentlich kirchlichen Ursprungs. Im Gegensatz zu den während der Fastenzeit von den Priestern getragenen violetten liturgischen Gewändern ist an diesem Tage die Casel, nämlich das Meßgewand, auch rosarot, also ein Symbol der Freude.
Wenn wir in Schlesien in ähnlicher Freude "Laetare" feierten, so war an diesem beliebten Volksbrauch der Kinder das kirchliche Urbild, die Freude Jerusalems, kaum noch erkennbar. Wie auch bei vielen anderen Bräuchen hat sich hier Vorchristliches mit Christlichem vermischt. Die von den Kleinen umhergetragene geschmückte Gerte, also der "Schmackoster", erinnerte nämlich mehr an eine Zauberrute und fiel in den heidnischen Vorstellungsbereich des Animismus. Unter ihm versteht man einen uralten Menschheitsglauben, der nicht nur beseelten Wesen, sindern auch unpersönlichen Dingen, Tieren und Pflanzen, geheime Kräfte zuschreibt, durch deren Berührung anderen genutzt und geholfen werden kann. Dieser "Schmackoster" war also eine solche Lebensrute mit wieder lebensspendender Kraft.
Es wäre interessant, eine Beziehung zu dem am Palmsonntag in anderen deutschen Landschaften umhergetragenen "Palmwedel" herzustellen. In Westfalen beispielsweise gehen die Kinder am Palmsonntag mit einem solchen von Hof zu Hof und ersingen sich mit ihren Heischeliedern auch eine Gabe, wie es unsere kleinen Sommersonntagssänger mit ihrem "Schmackoster" taten. Jedoch in Westfalen wie auch im Schwarzwald und in den Alpenländern hat das Palmenbrauchtum einen eindeutigeren Ursprung, nämlich den rein christlichen, der an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert, wenn auch ebenfalls eine Reihe nebensächlicher vorchristlicher Vorstellungen mit dem Palmenbrauch verbunden sind. Lediglich die sogenannten Umgehlieder der Gaben erbittenden Kinder haben etwas Gemeinsames mit unserem schlesischen Sommersonntagssingen. Ganz unverständlich und ungeklärt jedoch ist der Anfangstext des Palmsonntagsliedes der westfälischen Kinder, der mit einem "Hekorei" beginnt. Man kann nur vermuten, daß es sich hierbei um ein verballhorntes "Kyrie" handeln kann, jene Anrufung Gottes, die die römische Messliturgie mit dem "Kyrie eleison" (aus dem Griechischen stammend) ausdrückt.
Ausgesprochen verständlich und zeitnah erklangen dagegen unsere Sommersonntagslieder, wenn wir an die reizenden Verschen wie zum Beispiel "Rot Gewand, rot Gewand" oder auch an den "kleinen Pommer" denken. Die mit diesen Liedern ersungenen Gaben haben allmählich freilich einen farb- und inhaltlosen Charakter bekommen, indem man Bonbons, Schokoladenplätzchen, Kekse und andere Näschereien schenkte. Früher dagegen belohnte man die kleinen Sänger mit teiggebackenen Freundschaftsringeln, den "Bägeln", und vor allem noch mit einem Ei, dem Symbol des Lebens, was auch wieder in den Beginn der wiedererwachenden Natur im Vorfrühling passte. Ähnliche Teiggebäcke, freilich in Gestalt von Hühnchen und Enten, treffen wir aber heute auch noch zum Teil im münsterländischen Raum beim Palmsonntagssingen an. Der dort von den Kindern getragene Palmenwedel ist zwar auch geschmückt, jedoch bei weitem nicht so farbenfroh wie bei den schlesischen "Schmackostern".
Das schlesische Sommersonntagsbrauchtum wird heute in den neuen Lebensräumen der Heimatvertriebenen in Bekannten- und Verwandtenkreisen fortgesetzt. Jedoch, es fehlt der natürliche und landschaftliche Rahmen, was den weiterlebenden Brauch jetzt etwas gewollt erscheinen läßt. Dennoch sollte man in den schlesischen Bekanntenkreisen das alte heimatliche Laetare-Brauchtum nicht aussterben lassen, weil es auch eine Erinnerung an daheim ist.
(N.)
Schlesischer Sommersonntag
Die gold'ne Schnur geht um das Haus,
Die Jugend treibt den Winter aus;
Daß jeder merkt, daß jeder spürt,
Wie sehr sich neues Leben rührt.
Der Saft steigt auf aus allen Wurzeln,
Nun fängt der Winter an zu purzeln;
Bläst er auch noch so kalt ums Hausm
Ihm geht die Puste langsam aus.
Laetare ist's. Ihr Leute, hört:
Heut' ist die Freude eingekehrt!
Die Nacht, die Not - das muß vergeh'n,
Das Leben siegt und wird besteh'n.
Es siegt nach allem Winterkleid
Die Liebe und die Fröhlichkeit;
Bald rüsten wir zum Ostersprung,
Daß alle Herzen werden jung.
Die gold'ne Schnur geht um das Haus,
Die Jugend treibt den Winter aus;
Daß jeder merkt, daß jeder spürt,
Wie sehr der Lenz die Herzen rührt.
(Alfons Hayduk)
Auch fern der Heimaz unvergessen
In der Heimat Schlesien wurde der Sonntag Laetare von alt und jung freudig erwartet. Von den Alten, weil es "uff naus zu ging". Die junge Generation durfte an diesem Tage ankündigen, daß der lachende Frühling den gestrengen Winter endlich überwunden hat. Die Kleinen hatten schon wochenlang vorher ihre Sommerstiele unter Anleitung der Mutter gebastelt, aus grünen Reisern. - Mit bunten Papierblumen und Bändern geschmückt, harrten sie an der inneren Fensterleibung versteckt ihrer Bestimmung.
Am Sommersonntag sah man dann in allen Straßen der schlesischen Ortschaften festlich gekleidete Kinderscharen mit den farbenprächtigen Sommerbäumchen singend von Haus zu Haus wandern. Eier, Schaumbrezeln, "Zuckernissel", "Fafferminzküchel" und andere Süßigkeiten füllten bald die kleinen Körbchen oder die Leinensäckchen, von Verwandten und Bekannten gern gespendet.
"Ich kumm zum Summer, ich bie a kleener Pummer...", das konnten an diesem Tage plötzlich die verwöhntesten Müttersöhnchen, die sonst nur hochdeutsch sprachen, in der alten schönen Mundart singen. Auch in der Fremde, fern der Heimat, ist der altem schöne Brauch des Sommersingens nicht vergessen.
(La.)
(entnommen aus "Der Schlesier - Der Heimatbote für alle Nieder-, Mittel- und Oberschlesier", März-Folge 4, 28.März 1962)
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