...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Heimatliche Osterbräuche

14.01.2014 16:29

Das Osterfest, "die Auferstehung des Herrn", wurde wohl in meiner Heimatgemeinde alljährlich in seinem Brauchtum als eines der schönsten Feste begangen.

Schon einige Wochen vorher in der Fastenzeit begann man mit den Vorbereitungen auf das Osterfest. Es wurde nicht vergessen, sich rechtzeitig "Palmen" zu besorgen. Zur Palmenweihe am Palmsonntag, durften diese nicht fehlen. Wenn Ostern auf einen späteren Zeitpunkt fiel, so mußten die Weidenkätzchen rechtzeitig geschnitten werden, damit die Blüten schön silbrig blieben. Palmsonntag wollte in der Familie jeder als erster aus seinem Bett; denn wer zuletzt aufstand, wurde der "Poalmesel" genannt. Aus jedem Haus kam jemand, meist Kinder, mit einem Buschen "Palmen" und ging damit zur Kirche zur Palmenweihe. Diese mußten an der Kommunionbank niedergelegt werden. Da die Möglichkeit einer Verwechslung bestand, wurden die Palmenzweige schon vorher zu Hause mit einem farbigen Band zusammengebunden. Nun hieß es aufpassen, daß man sein Bündel wieder erkannte. Nach dem Gottesdienst zu Hause angekommen, mußte jedes Familienmitglied ein Palmkätzchen schlucken, um gegen Halsleiden verschont zu bleiben. Einige geweihte Zweige wurden hinter Heiligenbilder gesteckt, um so das Haus gegen Gewitter und Blitzschlag zu schützen.

Am Mittwoch in der Karwoche, "der kromme Mietwich" genannt, durfte niemand weinen. Man sagte, wer am krummen Mittwoch weint, bekommt eine krumme Nase. Ich erinnere mich, daß ich als Kind an diesem Tage auch manchmal weinte, die Nase aber auch nicht krumm wurde.

Am Gründonnerstag ging es frühmorgens zur Kirche. Nach dem Gloria verstummten die Glocken; es hieß, sie fliegen nach Rom. Statt dem Läuten der Kirchenglocken verkündeten nun die knarrenden Töne der Ratschen und Klappern die Zeiten des Morgen-, Mittag- und Abendläutens. Nach dem Gottesdienst war für die Schuljungen ein großes Ereignis, das Klapperngehen. Ausgerüstet mit einigen Körben und einer Kasse zogen die Jungen von Haus zu Haus und machten mit Klappern und Ratschen einen Mordslärm. Der älteste war meist der Kommandant, "Radlaführer" genannt. Einige Jungen waren als "Haislaläufer" eingeteilt, welche in jedem Haus die schon bereitgelegten Eier oder das Geld abholten. Andere trugen die Körbe, in welche die Eier gelegt wurden. Es wurde immer im Takt 1-2-3-4-5 geklappert. Dabei schrien die Jungen so laut sie konnten: "Brängt, brängt Äjer raus!" So ging es durch das ganze Dorf, es wurde jedes Haus angelaufen. Das Ende fand das Ereignis in der alten Schule, wo Oberlehrer Pohl die eingenommenen Eier und das Geld gerecht an die Klapperjungen verteilte. Jeder eilte dann zufrieden nach Hause, wo die Mutter schon mit dem Mittagsessen wartete. Gründonnerstag zum Mittagsessen wurden fast in jedem Haus Eier gegessen.

Nachmittags besuchten die Kinder ihre Taufpaten, um das "Bärdla" abzuholen. Dieses bestand aus Ostereiern, Gebäck und Geld. Beim Pate gab es erst eine Vesper "Fanka oan Kucha". Das "Bärdla" erhielten die Kinder bis zum 14.Lebensjahre.

Der Karfreitag war in der Heimat kein Feiertag. Es war wie auch heute noch, der größte Trauertag und der größte Fasttag. An diesem Tage wurde ds Gebäck für die Osterfeiertage gebacken und Großputz gemacht. Die Hausfrauen brauchten sich an diesem Tage über Arbeitsmangel nicht zu beklagen. In der Kirche wurde das Heilige Grab besucht, wo zwei Feuerwehrmänner ständig Ehrenwache hielten.

Karsamstag begann der Gottesdienst schon früher als sonst. Da versäumte wohl kein Haus ein Stück Holz zur Weihe zu schicken. Wo im Hause keine Kinder waren, nahmen Nachbarskinder oder die "Vefe" das Holz mit zur Kirche. Die "Vefe" war eine arme, alte Frau, stets hilfsbereit. Sie wohnte im Haus von Schauspieler Rittner. Sie brachte am Karsamstag eine ganze "Roadwer" (Schubkarre) voll Holzscheite angefahren. Der Kirchvater (Kirchendiener) hatte alle Mühe, das Feuer anzuzünden, weil die Schuljungen gleich ihr Holzscheite daraufwarfen. Es ging manchmal etwas unerbaulich zu. Die Jungen waren oft kohlschwaz von Ruß und Rauch, wenn der Pfarrer mit den Ministranten erschien. Nach der Weihe gingen wir mit unserem Holzscheit noch etwas in die Kirche. Beim Gloria waren die Töne der Kirchenglocken erstmals wieder zu hören. Geheimnisvoll waren die Glocken von Rom wieder zurückgekehrt. Meist verließen wir den Gottesdienst schon vorzeitig und liefen nach Hause zum "Kreizlamacha". Das Holzscheit, welches nun geweiht war, wurde fein säuberlich gespalten und mit dem Messer zu kleinen Kreuzchen verarbeitet.

Karsamstag nachmittags wurden drei Kreuzchen mit einer Palme im Herrgottswinkel in der Stube angebracht. Auch über die Stalltür und über das Scheunentor nagelte man je drei Kreuzchen und einen Palmenzweig, um das Vieh und das ganze Haus vor Unglück zu bewahren. Dann ging es hinaus aufs Feld zum "Kreizlastecka". Auf jedem Feld wurden in die vier Ecken je drei Kreuzchen mit einer Palme in der Mitte gesteckt. Man erwartete damit Gottes Segen. An den Osterfeiertagen war wohl in meinem Heimatdorf kein Feld zu finden, auf dem die Kreuzchen mit dem Palmenzweig gefehlt hätten. Die Menschen beteten damals noch aus tiefster Überzeugung: "Menschenwachen kann nichts nützen. Gott muß wachen, Gott muß schützen!" Mancher Bauer fluchte aber beim Abmähen des Getreides, wenn er mit der Sense in das Holz der Kreuzchen gehauen hatte. Als er dann wieder zur Besinnung kam, dankte er Gott, daß ihm so eine gute Ernte beschert wurde.

So ein Karsamstag war immer zu kurz. Am späten Nachmittag gingen wir nochmals zum Heiligen Grabe. Dort blieben wir dann bis zur Auferstehungsfeier. In unbeschreiblicher Freude überfiel es uns heiß und kalt, wenn der Priester verkündete: "Christus ist erstanden!" Unmittelbar daruf ertönten die Schellen der Ministranten, die Melodien des Kirchenchors setzten ein, die Musikkapelle spielte und die Kirchenglocken läuteten. In einer feierlichen Prozession ging die ganze Kirchengemeinde um die Kirche und brachte damit die Freude der Auferstehung des Herrn zum Ausdruck. Nach der Osterfeier gingen die Männer meist in den Kratschem zu einem Osterschnaps. Die Hausfrau eilte nach Hause und bereitete das Nachtmahl. Zur Feier des Tage gab es ein besondres Essen; denn es war die erste Fleischmahlzeit seit den Fasttagen der Karwoche.

Fast noch mächtiger als zur Auferstehungsfeier am Karsamstag erlebte man eine wirkliche Kirchengemeinde am Ostersonntag. Beim Saatengang der Männer fehlte kaum ein Mann. Schon um fünf Uhr morgens gingen wir von der Kirche weg. Es wurden Kreuze, Fahnen, Osterbilder und Figuren getragen. Die Schuljungen kamen mit Pferdeglocken und klingelten damit während des ganzen Saatenganges. Wir gingen links vom Dorf die Rücksteige über die Felder bis ins Oberdorf. In früheren Zeiten war mein Großvater Karl Fels Vorbeter, dann übernahm Herr Schenkenbach dieses Amt. Es wurden Litaneien gebetet, das Vaterunser und Osterlieder gesungen. Im Hofe meines Onkels Karl Fels angelangt, konnte man sich etwas aufwärmen. Mein Onkel hatte dazu schon eine Flasche Schnaps bereitgestellt. Die Musiker hatten sich dort auch schon eingefunden. Mit Musik und Gesang ging es dann durch das Dorf hinunter bis in das Gehöft von Alfred Guckler. Vorher hatte man schon einen wunderbaren Sonnenaufgang erleben können. Es war uns, als rief uns der große glührote Ball der Sonne zu: "Der Heiland ist erstanden!" Bei Guckler konnte man als Stärkung nochmals ein Stamperl Schnaps trinken. Der Pfarrer wartete hier schon auf die Prozession und führte sie an der Dorfseite gegen Gostitz, die Rücksteige über die Felder hinunter bis zur Grenze bei Fuchswinkel. Von dort ging es zur Kirche. Mit Glockengeläute wurde die Prozession empfangen. Die Kirche war an diesem Tage immer zu klein, da die ganze Gemeinde dem Gottesdienst beiwohnte. Es wurde ein feierliches Hochamt gehalten, wobei oft drei Pfarrer anwesend waren. Neben dem Ortsgeistlichen Herrn Pfarrer Gruner war meist noch H.H. Prof. Harbich dabei, da er die Osterfeiertage in seiner Heimatgemeinde Weißbach bei seinen Eltern verbringen wollte. Auch H.H. Pfarrer Schreiber, welcher in Jauernig im Ruhestand lebte, war manchmal anwesend. Kirchenchor und Musik hatten lange vorher geprobt, um dieses schöne Hochamt zu einem Erlebnis werden zu laßen. Die Feuerwehr stand neben den Kirchenbänken Spalier. Wenn das Lied "Erstanden ist der heilige Christ" angestimmt wurde, so war dies wohl aus aller Munde zu hören. Nach dem Hochamt marschierte die Feuerwehr mit Musik bis zum Spritzenhaus. Die Kinder machten sich anschließend zu Hause an das Suchen der Osternester, in Garten, Haus und Hof. Groß war die Freude, wenn Ostereier und Osterhasen entdeckt wurden.

Den Höhepunkt des österlichen Brauchtums bildete in Weißbach zweifellos das Saatenreiten. Ostersonntag mitta ritten die Bauern auf geschmückten Pferden zur Kirche. Am Kirchplatz war Aufstellung. Dort wurden Kreuz, Fahnen und Heiligenfiguren an die Reiter ausgegeben. Die Musiker mit Musikinstrumenten waren ebenfalls zu Pferde gekommen. In früheren Zeiten ritten H.H. Pfarrer Rompel und Prof. Dr. Harbich als Geistliche mit und übernahmen die Leitung des Saatenreitens. In den letzten Jahren fuhr H.H. Pfarrer Gruner in einer Kutsche, da ihm das Reiten zu anstrengend war. Pünktlich um 13 Uhr setzte sich beim Läuten aller Kirchenglocken der Reiterzug in Bewegung. Das ganze Dorf war auf den Beinen, um die festlich geschmückten Pferde zu sehen. Es ging bis ins Oberdorf. Die Musik spielte Osterlieder, die anderen Reiter sangen dazu. Im Oberdorf wurde der Kurs geändert und der Ritt ging weiter am Feldweg von Emil Wittich, bis in die Nähe des Waldes. Obwohl das Reiten auf den Feldwegen rech beschwerlich war, war die Beteiligung immer recht stark. Unvergeßlich dürfte es allen sein, die es einmal miterlebt haben: Wenn sich die Reiter dem Waldsaum näherten, und er "Alten Gos" zuritten, wie die Musik spielte, wie der Widerhall von bewaldeten Berghängen erklang, da ging ein eigentümliches Erleben durch alle, durch Mensch und Tier. Der Ritt ging weiter an der Gostitzer Grenze auf Feldwegen bis zur Patschkauer Straße. Daß das Saatenreiten schon vor Jahrhunderten in Weißbach üblich war, davon gab ein Bild auf einer Kapelle an der Straße gegen Patschkau Zeugnis. Es stellte darm wie die Saatenreiter im Jahr 1824 einen Schneider aus Jauernig dort fanden, der im Winter im Schneesturm umgekommen war. Die Reiterprozession ging weiter bis zur Grenze bei Fuchswinkel und von dirt an den Probst-Häusern vorbei, bis Hahnberg. Beim Gasthaus Leder wurde kurz Rast gemacht und eine kleine Stärkung zu sich genommen. Nach wenigen Minuten setzte sich der Reiterzug wieder in Bewegung. Der Ritt führte von Hahnberg entlang der Felder gegen Weißbach. Schon von ferne konnte man die Musik und den österlichen Gesang hören. Pünktlich um vier Uhr nachmittags stand der Reiterzug wieder am Kirchplatz und nahm Aufstellung zum Empfang des Segens. Als der Pfarrer mit den Ministranten vom Altar aus der Kirche zurückkam und mit dem Allerheiligsten vor der Kirche den Segen erteilte, war gleichzeitig das Wiehern aller Pferde zu hören. Das war ein einmaliges Erlebnis. Von weit und breit fanden sich alljährlich Zuschauer ein, die mehr als Zuschauer waren, denen diese Prozession einfach zum Ostererlebnis gehörte.

Am Ostermontag gab es noch einen lustigen Osterbrauch, das "Schmackustan". Die Burschen des Dorfes hatten sich aus Weidenruten eine sogenannte "Schmackuster" zusammengeflochten und diese mit einem bunten Band zusammengebunden. Damit zogen sie durch das ganze Dorf, von Haus zu Haus. Die Mädel wurden aufgesucht und mit der "Schmackuster" auf den Hintern geschlagen. Oft wurden dazu die Mädel aus dem Bett oder aus ihrem Versteck geholt. In Weißbach war es üblich, dazu folgenden Spruch zu sagen: "Schmackuster, Schmackuster em a Moolä, hoste käs, lä die äs, em a Steckla Kucha, ich war dich ang zerpuffa, puff, puff, puff."

Die Burschen wurden für ihre Mühe von den Mädeln mit Ostereiern, Kuchen oder Schnaps belohnt, Kinder erhielten auch ein kleines Trinkgeld.

Osterdienstag revanchierten sich die Mädel. Sie hatten sich auch eine "Schmackuster" angefertigt. Diesmal mußten es sichdie Burschen gefallen laßen, wenn sie von den Mädeln verprügelt wurden. Das "Schmackostern" sollte Glück bringen. So wurde es nicht übel genommen, wenn die Schläge mit der "Schmackuster" ausgeteilt wurden.

In der Heimat war solch ein Osterfest eine Selbstverständlichkeit. Oft denke ich an die schönen Osterbräuche zurück, welche ich hier leider sehr vermisse.

 

 

(Ernst Fels -

entnommen aus dem "Buchkalender für Sudeten-Schlesien und Nordähren 1991")

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