...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!
Eine Mutter klagt an [Hans Lieber]
20.01.2014 12:25Wenn der Schnee schmilzt in der Ukraine
und der Tauber gurrt im Wald,
wenn die Veilchen blüh’n am Raine,
und des Hirten Ruf erschallt,
steh ich oft auf jenem Hügel
vor dem Dorf, beim Eichenbaum,
meinem Sehnen wachsen Flügel,
frag’ ich nicht nach Zeit und Raum.
Und ich finde hin zu jenem
Grabe in der Steppe dort,
das Wildgräser schlicht verbrämen,
das für mich ein heil’ger Ort.
Hab’ in Lieb den Sohn erzogen,
sollt’ im Alter Stütze sein;
doch das Schicksal hat getrogen,
er ließ hier mich ganz allein.
In des Lebens besten Jahren
rief man ihn zum Militär.
Ringsum dräuten viel Gefahren.
Gott! wie war’n die Zeiten schwer…
Mit der Feldpost kam die Kunde:
Heldentod für’s Vaterland!
Ich verfluche jene Stunde,
die mir meinen Sohn entwandt.
Zieh’n die Wolken gegen Osten,
folgt mein Bitten ihrem Lauf:
“Nehmt die Veilchen, die da sproßten
doch zu euch am Himmel auf!
Ziehet hin zu jenem Grabe
dort im fernen Russenland, -
streut der Mutterliebe Gabe
sorglich auf des Grabes Rand!
Wenn der Schnee schmilzt in der Ukraine
und der Tauber gurrt im Wald,
wenn im Frühlingssonnenscheine
hoffnungsvoll Natur erstrahlt, -
will den Menschen ich dies sagen:
“Ächtet Hass und Krieg und Neid!
Höret doch der Mütter Klagen!
Kämpft für friedlichere Zeit!”
(Hans Lieber (Mainz/Wellana) -
entnommen aus “Land an der Miesa – Heimatbrief für die Bezirke Mies, Pilsen, Staab, Tuschkau und Wiesengrund”, Ausgabe Mai 1991)
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