...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Die Tatarenfürstin

21.03.2014 08:48

Im heidnischen Morgenlande herrschte um das Jahr 1200 ein mächtiger Kaiser, der Tataren-Chan Batu. Seine schöne Gemahlin hatte viel vernommen von den Sitten und Gewohnheiten des Abendlandes. Wie dort alles so lieblich und ehrlich zuginge und wie die Fürsten, Ritter und Herren mutig für ihren Glauben mit Blut und Leben einträten. Da entbrannte in ihrem Herzen ein heftiges Verlangen, mit eigenen Augen diese Länder und deren Bewohner zu sehen. Sie bat ihren Gemahl, er möge ihr doch die weite Reise erlauben. Der aber schlug es ihr ab. Da sie jedoch mit ihren Bitten nicht nachließ, willigte er endlich ein. Er versorgte nun seine Gemahlin für die Reise mit einem großen Gefolge und gab ihr auch Gold, Silber und Edelsteine im Überfluß mit. So zog die Tatarenfürstin aus in den vielgerühmten Westen, und wohin sie auch kam, überall wurde sie gut aufgenommen und mit Geschenken bedacht.

Auf ihrer Reise kam die Fürstin auch nach Schlesien, und in dem Städtchen Neumarkt nahm sie Quartier. Als die Bürger sahen, welch gewaltige Schätze die Kaiserin mit sich führte, hielten sie Rat und stimmten schließlich darin überein, daß es doch unziemlich sei, eine solch ungläubige Frau mit derartigen Schätzen wieder davonziehen zu lassen. Sie beschlossen also, die Kaiserin samt ihrem Gefolge zu erschlagen und ihre Schätze unter sich zu teilen. Diesen bösen und unchristlichen Plan führten die Bürger auch aus.

Zwei Jungfrauen aus dem Gefolge der Tatarin, die sich in einem Keller verborgen hatten, entkamen dem Blutbad und gelangten nach einiger Zeit wieder in ihr Vaterland. Sie erzählten dem Kaiser Batu, was zu Neumarkt geschehen war. Da schwor der Tataren-Chan, nicht eher zu ruhen, bis er diese Untat am ganzen Abendland gerächt hätte. Drei Jahre lang ließ er in seinen Ländern alle streitbaren Männer aufrufen, und danach zog er mit einem gewaltigen Heer von fünfhunderttausend Kriegern nach Schlesien, um den Mord der Fürstin zu rächen. So kam es 1241 zu der Schlacht auf der Wahlstatt bei Liegnitz. Die Tataren wurden zwar wieder zurückgedrängt und das Abendland somit gerettet, doch hatte das christliche Heer ungeheure Verluste an edlen Rittern, Knappen und Fürsten zu beklagen. In einem alten Volkslied heißt es: "So ward am Lande gerächet, was Neumarkt hat getan. Herr Gott, mich selbst regiere, fang ich allein was an!"

 

(entnommen aus "Die schönsten Sagen aus Schlesien - Neu erzählt für jung und alt von Jochen Hoffbauer", 1965, 2.Auflage)

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