...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Die Schlangenkönigin

03.09.2014 10:47

Auch das Fränkische-Schweiz-Ländchen hat seine Schlangenkönigin. Warum sollte dem wohl anders sein? Wie Silber schillert ihre schuppige Haut. Ein goldenes Krönlein, mit winzigen Edelsteinen reich besetzt, trägt sie auf dem Kopfe. Eine kleine Höhle am Gehänge der Ehrenbürg (Walberla) ist ihr Palast. Langsam "schlängelt" sie von dort Tag für Tag, wenn die Sommersonne am Himmel gleißt, über Felder, Wege und Matten zum klaren Wiesentflusse. Da legt sie ihr Krönlein auf ein weißes Tuch, das am Ufer ausgebreitet ist, und huscht in die Fluten zu erfrischendem Bad. Im Frühjahr und Herbst meidet sie den Fluß. Da locken sie die wärmeren Wasser des Moritzbrunnens. Hat aber der Winter die Erde in Fesseln geschlagen, dann schläft die Schlangenkönigin lange, lange in ihrer Höhle, deren Eingang Erdmaus und Igel friedsam und unverdrossen bewachen...

Wehe dem Menschenkinde, das es wagen sollte, der Schlangenkönigin das Krönlein zu rauben, während sie wohlig im Bade plätschert. Der Gänsehirt von Leutenbach mußte den Versuch dazu an Leib und Leben büßen. Es war ihm nicht entgangen, daß schon seit einer Woche die Schlangenkönigin zu ihrem täglichen Bade die Moritzquelle erwählt hatte. Auch sah er einmal, freilich nicht in nächster Nähe, das Krönlein auf weißem Tuche glitzern und funkeln. Geblendet vom Glanz des Goldes und der Edelsteine, faßte er den Entschluß, am folgenden Mittag im Gebüsch neben der Quelle sich zu verbergen und, sobald die Schlange ins Bad geglitten, mit deren Krönlein zu entfliehen. Gedacht - getan! Der gute Gänsehirt hatte aber seine Rechnung ohne die Schlangenkönigin gemacht. Diese schnellte, als der Dieb mit seinem Raube das Weite suchen wollte, aus der Quelle und stieß einen gellenden, durchdringenden Pfiff aus, den sie mehrmals wiederholte. Sogleich kamen alle Schlangen im weiten Umkreis herangeraschelt, verfolgten den Hirten, zischten, spien Gift, ringelten sich an ihm empor und zerbissen dessen Hände und Gesicht. Der so schrecklich Überfallene riß das Tuch mit dem Krönlein aus der Tasche und schleuderte es im weiten Bogen fort. Sogleich ließ das Gewürm von ihm ab. Die Schlangenkönigin setzte ihr Krönlein auf und verschwand im Nu mit allen Ottern. Der Gänsehirt aber erlag, da zu den Rächern des vermessenen Raubes auch Giftvipern zählten, den erlittenen Wunden.

 

(entnommen aus "Am Sagenborn der Fränkischen Schweiz - Sagen, Legenden und Lokalgeschichten aus den Jurabergen", Karl Brückner, 1929)

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