...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Die Rabendocken

19.03.2014 09:07

Am Fuße des Geierberges, im Tale von Seifenau, liegt Bad Hermsdorf bei Goldberg. Hier kann man eine romantische Felspartie, die wegen ihrer Eigenart als ein Naturdenkmal gilt, bewundern. Die Felsen sehen einer zertrümmerten Burg mit Türen, Fenstern und einem Turm ziemlich ähnlich. Manche phantasiebegabten Betrachter entdeckten in der oberen Felspartie sogar einen Menschenkopf. Die Kinder des langen Reihendorfes indessen benutzten die mächtigen Felsen für ihre Spiele und ihre nicht ganz ungefährlichen Kletterpartien.

Der Sage nach soll die Felswand früher eine wirkliche Burg gewesen sein, mit mächtigen Zinnen und Türmen, groß und stattlich anzuschauen, aber dereinst von allen Christenmenschen gemieden. Denn der Ritter, Kuno von Wolfsburg, war ein böser und arger Mann. Wenn am Morgen die Sonne friedlich über dem Wolfsberg aufging, lauerte Kuno von seiner hohen Warte aus schon auf Raub. Heimtückisch überfiel er dann einsame Wanderer. Seine gedungenen Horden fielen mit Mord und Brand in die lieblichen Täler.

Einmal wurde einem jungen Paar, das mit seinem Brautschatz unterwegs war, eine Falle gestellt. An einer schmalen Wegstelle, unmittelbar an der Katzbach gelegen, ließ Kuno ein Loch ausheben, dieses sodann mit Baumzweigen überdecken und Sand und Erde darüber streuen. Als das Gefährt der Hochzeitsleute herankam, brachen die Pferde in das Loch ein, und die Knechte des Raubritters sprangen herbei, töteten den Bräutigam und schleppten die Braut in das dunkle Burgverlies. Im Hungerkerker wurde sie ihrem Schicksal überlassen. Die unterirdischen Gewölbe der Burg lagen voll von den Opfern solcher Raubzüge.

Als nach dem grausamen Tode der jungen Gräfin Ritter Kuno mit seinem willigen Diener Veit die Truhen erbrach und die Pergamente und Urkunden sichtete, mußte er in ohnmächtigem Zorn feststellen, daß die Ermordete seine eigene Schwester gewesen war.

Nach dieser unmenschlichen Tat war das Maß des Bösewichtes voll. Hoch oben auf den Kuppen des Geiersberges hatte ein mächtiger Zauberer sein Schloß gebaut, das auf die Täler und Auen hinabsah. Der Zauberer half mit Rat und Tat den Bedürftigen, schützte die Unschuldigen und belohnte die Tugend der Menschen des Landes. Der mächtige Nachbar hatte den Raubritter Kuno schon vielfach gewarnt, von dem bösen Tun und Treiben abzulassen. Kuno indessen verhöhnte den guten Zauberer nur und trieb es ärger als zuvor.

Als der Zaubergeist von dem furchtbaren Verbrechen vernahm, das Kuno an seiner Schwester Anna begangen hatte, ergrimmte er endlich und rüstete zum Strafgericht. Am nächsten Morgen fuhr der große Zauberer rauschend über Berg und Tal. Er gewahrte den Raubritter, wie dieser von der Höhe seiner Burgwarte höhnisch lachend in das Tal schaute. Ein Zug friedlicher Wanderer näherte sich den Burgwäldern. Schon wollte Kuno seiner Rotte das Zeichen zum gewohnten Überfall geben, da fuhr wie ein Blitz aus heiterem Himmel der Zauberer hernieder, berührte mit seinem Zauberstab den Frevler und seinen Helfer Veit, daß beide in gleicher Sekunde zu starren und grauen Felsen wurden. "Werdet", sagte der Zauberer, "was ihr in euerm Leben schon immer gewesen seid, werdet zu Stein! Aber sterben sollt ihr nicht! Die steinernen Bilder eurer Körper sollen zwar unbeweglich, aber nicht ohne Empfindung sein. So sollt ihr sitzen auf den geraubten Schätzen, von schrecklicher Reue gepeinigt!"

Mit diesen Worten verschwand der Zauberer. Die warmen Leiber der Bösewichtete erkalteten. Ihre Formen blieben, aber sie wurden zu festem, hartem Stein. Das Blut stand in ihnen still, und an seiner Stelle schlängelten sich fortan rote Felsenadern durch die steinernen Körper.

Alljährlich aber in der heiligen Christnacht, wenn die Glocke der Goldberger Stadtpfarrkirche zwölf schlägt, ist es den beiden Bösewichten vergönnt, sich aus ihrer steinernen Gestalt zu lösen. Sie öffnen dann eine Pforte des Felsenschlosses, hoffend, ein reines Menschenkind käme dereinst in dieser gesegneten Stunde, um sie aus ihrer Verzauberung zu erlösen. Mit dem Glockenschlag eins schließt sich mit entsetzlichem Krachen das Tor von selber, und die Räuber nehmen ihre alte steinerne Gestalt wieder an. Wer nicht rechtzeitig vorher aus der Schatzkammer entfliehen konnte, der muß nun ein ganzes Jahr in dem Felsenschloß bleiben.

Viele Geisterbeschwörer und Schatzgräber nützten seither diese Christnachtsstunde und füllten sich reichlich die Taschen. Ein armer Bauer, der gerade einmal zu dieser Zeit ein verlaufenes Stück Vieh suchte, fand die geheime Pforte offen, trat ein und füllte sich seine Taschen mit den seltenen Schätzen, und glücklicherweise konnte er gerade noch kurz vor dem Ein-Uhr-Schlag aus der Höhle entkommen.

Wunibald am Bühel, ein furchtloser Ritter, der einst in Goldberg seinen alten Freund, den Waffenschmied Frießhart besuchte und von diesem erfuhr, daß im Herzen der Rabendocken zwei versteinerte Unholde säßen, soll schließlich Kuno und Veit in der Mitternachtsstunde der Christnacht erlöst haben. Der Ritter schaffte sodann an Gold, Silber und Edelsteinen ins Freie, so viel er in dieser Stunde vermochte. Von den Schätzen ließ er Armenhäuser bauen, pflegte die Alten und sorgte für die Kranken. Es lag dazumal viel Segen auf dem Goldberger Lande.

Weil aber Wunibald nicht alle Schätze bergen konnte, steht das steinerne, geheime Pförtchen an den Rabendocken auch heute noch alljährlich zur bestimmten Zeit offen, und das Glück, auf diese einfache Weise reich zu werden, steht jedem frei, der den Mit hat, den Rest des Goldes zu heben.

 

(entnommen aus "Die schönsten Sagen aus Schlesien - Neu erzählt für jung und alt von Jochen Hoffbauer", 1965, 2.Auflage)

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