...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!
Die Langenbielauer Zwerge
20.03.2014 09:25In Schlesien hat es vor nicht gar zu langer Zeit noch Zwerge gegeben. Sie wohnten in einem Berge bei der Leinenweberstadt Langenbielau. Da sich die kleinen Geister den Menschen gegenüber oft freundlich erwiesen und manchmal von ihren reichen Schätzen etwas abgaben, wurden die Zwerge von den Menschen ehrerbietig "die Herrlein" genannt. Ihr früherer Wohnsitz heißt bis heute der Herrleinberg.
Da es aber immer schon Leute gab, die vor nichts Respekt haben, außer vor sich selber, wurden die guten Zwerge spottend die "Quärge" und ihre Wohnhöhlen im Berg die "Quarglöcher" genannt. Das ärgerte die Männlein sehr, denn nichts bereitete ihnen mehr Pein als die Undankbarkeit der Menschen und ihr dünkelhafter Hochmut. Zudem rückten dem kleinen Volke die qualmenden Fabriken und rauschenden Schlote immer dichter auf den Leib. Der Lärm der neuen Maschinen war den Zwergen noch viel unangenehmer als ihren Vorfahren einst das christliche Glockenläuten. Deshalb beschlossen die Herrlein schließlich auszuwandern. Da sie sich aber von dem schönen Schlesierlande und seinen meist doch gemütlichen Bewohnern nicht gerne trennen mochten, wählten sie den unweit gelegenen Zobtenberg als neuen Wohnsitz. Wie ein Kegel erhebt sich der "Zutabarg", wie er in der Mundart genannt wird, aus den Äckern und Weiden der Ebene. Vor dem Staub und Ruß der Fabriken waren die Zwerge in den grünen Bergwäldern sicher. Auch gab es hier von naseweisen Menschenkindern genügend Verstecke.
In einer milden Sommernacht sollte der Umzug vor sich gehen.
Kurz vor Mitternacht pochte es an das Fenster des Herzig-Bauern in Mittel-Langenbielau, der den Zwergen als gutmütig und hilfsbereit bekannt war. Der Bauer öffnete und sah ein winziges Männlein vor sich stehen, das mit feiner Stimme und höflichen Worten bat, den großen Leiterwagen anzuspannen und ihm zu folgen.
Der Bauer tat ohne Furcht und Scheu, was das Herrlein von ihm begehrte. Der Zwerg führte ihn mit seinem Gespann langsam über den Berg. Unterwegs merkte Herzig, wie sein Wagen immer schwerer und schwerer wurde. Er hörte im leisen Nachtwind ein vielstimmiges Raunen, Wispern und goldenes Klingen. Wenn er sich umdrehte, konnte er jedoch nichts erkennen oder sehen. Dem Bauern wurde es nun doch unheimlich zumute, und er zog sich seine Zipfelmütze tief über die Ohren.
Im hellen Morgenlichte langte das seltsame Gefährt am Fuße des Zobtenberges an. Der alte Vater Zobten begrüßte das kleine, muntere Volk, das sich in seinen sicheren Schutz begeben wollte, mit würzigem Tannenduft, klingendem Vogelgezwitscher und weichen Moospolstern.
Als die Herrlein das Fuhrwerk verlassen hatten, verabschiedete sich das Männlein von dem Bauern und sprach: "Denk auch manchmal an uns, und laß dir den armseligen Fuhrlohn, den wir dir nur bieten können, wohl genügen!"
Der Herzig-Bauer zog seine Zipfelmütze zum Gruß und sah lachend zu, wie von tausend unsichtbaren Händen sein Wagen mit dürren Blättern vollgeladen wurde. Dann schnalzte der Bauer vergnügt mit der Zunge und - hüh, hott! ging es rasch nach Hause. Denn das Vieh wollte gefüttert sein.
Bei der schnellen Fahrt ließ es sich freilich nicht vermeiden, daß die dürren, leichten Blätter rechts und links vom Wagen herunterfielen. Und als der Bauer schließlich auf seinem Hof in Langenbielau ankam, lagen nur noch wenige auf den Brettern. Herzig nahm den Besen und wollte sie wegfegen, weil er den Wagen gleich nach dem Frühstück brauchte, da fingen plötzlich die unscheinbaren, grau-braunen Blätter in der höher steigenden Sonne zu glitzern und zu blitzen an. Und siehe, die Herrlein hatten den freundlichen Fuhrmann mit blankem Golde bezahlt! Die verlorenen Blätter aber fand Herzig nicht mehr wieder, sosehr er auch danach suchte.
(entnommen aus "Die schönsten Sagen aus Schlesien - Neu erzählt für jung und alt von Jochen Hoffbauer", 1965, 2.Auflage)
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