...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!
Die Heidenjungfrau
04.04.2014 08:51Für eine wahrhaftige Geschichte gibt man in der Grafschatz Glatz, dem "schlesischen Herrgottsländchen", aus, was hier von der Heidenjungfrau erzählt wird.
Die stolze Festungsstadt Glatz mit ihren Kasematten und dem trutzigen Donjon hat manchen Sturm erlebt. Am Neißefluß gelegen (der nicht mit der Lausitzer ider Görlitzer Neiße zu verwechseln ist), breitet sich die turmreiche Stadt zu Füßen des Glatzer Gebirges, dessen höchste Erhebung, der Glatzer Schneeberg, weit in das waldreiche Land hinausschaut. Mancher Kranke suchte und fand hier Genesung von seinen Leiden.
Vor alten Zeiten soll eine heidnische Jungfrau über die Stadt Glatz geherrscht haben. Sie führte ein sündhaftes, ausschweifendes Leben und trieb arge Zauberei. Ihre körperliche Stärke war derart, daß sie mit der bloßen Hand ein eisernes Hufeisen zerbrechen konnte. Einmal wettete sie mit ihrem Bruder, wer wohl am weitesten schießen könne. Da flog ihr Zauberpfeil weit über die Stadt hinaus und bohrte sich in die große Linde in Eisersdorf.
Das Volk aber war ihres schlimmen Treibens müde geworden und trachtete heimlich danach, sie zu töten. Endlich gelang es, die Zauberin in einem Saal zwischen dem Ober- und Niederschloß gefangenzunehmen. Dort wurde sie lebendig eingemauert.
Das schöne, goldene Haar, das man ihr zuvor abgeschnitten hatte, wurde in einer Kapelle aufgehängt; danach trug die Kapelle lange Zeit den Namen "Heidenkirchlein". Als einmal ein durchziehender Soldat das goldene Haar mitnahm und in seine Kammer hängte, kam nachts der Geist der Heidenjungfrau zu ihm und plagte ihn so sehr, bis er das Haar wieder an den alten Platz in der Kapelle trug.
Man will wissen, daß das Gespenst der Heidenjungfrau heute noch im Schlosse umgeht. Es ist nicht bösartig. Nur Spott kann es nicht vertragen. Als dereinst ein kecker Schustergesell übel von der Heidenjungfrau und ihren verruchten Taten redete, bekam er einen eiskalten, kräftigen Backenstreich von unsichtbarer Hand.
Auch in der Stadt Glatz selber hat das Gespenst sein Unwesen getrieben und manch schalkhaftes Stücklein ausgeführt. Die Frau des trinkfreudigen Schneiders Augustin hat es am eigenen Leibe erfahren. Ihr Mann, der dürre und pfiffige Vertreter seines ehrbaren Standes, wußte von den Eigenheiten und Unbotmäßigkeiten seines Weibes Ursula ein Lied zu singen - vielmehr zu pfeifen; denn das Keifen und Schimpfen der Frau versuchte er mit stets lustigem Pfeifen zu übertönen.
War ihm aber die Kehle so trocken geworden, daß kein Liedlein mehr von seinen Lippen wollte, warf er flugs Nadel und Schere hin und rannte ins Wirtshaus, um bei Bier und Schnaps Trost und Stärkung zu suchen.
Als der lange Schneider eines Nachts, vom Wirtshaus mühsam heimgekehrt, an der Haustür lehnte und den still lächelnden Mond anzusingen begann, ergriff Ursula in heller Wut die Waschschüssel und schüttete deren schmutzigen Inhalt durchs Fenster hinaus. Sie traf aber nicht den Sänger und Ehemann, sondern den Geist der Heidenjungfrau, der just um diese Stunde durch die Gasse des Schneiders wandelte. Selbst für ein Gespenst ist es keine angenehme Sache, begossen in der kühlen Frühlingsnacht zu stehen. Und als dem unfreiwilligen, schmutzigen Bade noch häßliche und harte Reden folgten - die freilich dem Bezechten zugedacht waren -, wurde die Heidenjungfrau ernstlich böse. Sie ergriff einen sanften, stahlblauen Mondenstrahl, schwang sich mit geübtem Griff zum offenen Fenster empor und stach mit dem Mondsplitter der keifenden Frau Ursula mitten in die rote Zunge.
Sogleich ertöne es aus ihrem Mund: "Mein Herzensmännchen, wo bleibst du so lange? Komm doch herauf! Die kühle Nachtluft kann dir ja schaden! Du bist so zart und anfällig für Schnupfen!"
Schneider Augustin glaubte erst, nicht recht zu hören. Doch betrunken war er nicht mehr, die Nachtluft hatte ihn völlig nüchtern werden lassen. Die sanfte, ungewohnte Rede seines Weibes ernüchterte ihn noch mehr. Mit lieblichen Hoffnungen in der Brust stieg der Schneider die Treppe zu seiner Wohnung hinan. Oben prallte er erschrocken zurück. Das Antlitz seiner Ursula blickte nicht eben freundlich, sondern so wie immer, wenn er nach Mitternacht das Haus betrat. Doch die erneute zärtliche Musik ihrer Worte beruhigte ihn wieder. Mit ausgebreiteten Armen schritt er mutig auf sie zu. Da verzerrten sich Ursulas Züge in grimmiger Wut. Sie schwang den Pantoffel, holte zum Schlage aus und streichelte - wider ihren Willen - des verblüfften Augustin rosige Wange. Das kam dem Schneider so komisch vor, daß er schallend zu lachen anfing.
Der Streich der empörten Heidenjungfrau war gelungen: Ursulas böses Rede, Tun und Denken schlug sofort in das Gegenteil um. Nur gute, zärtliche und liebe Worte kamen aus ihrem Mund, ihre Hände konnten nur noch streicheln und kosen. Das war zuviel für die streitgewohnte Frau. Der tückische Zauber nahm ihrem Leben jeden Reiz. Sie wurde immer stiller und stiller. Schließlich schwieg sie gänzlich. Und daran ist sie dann auch gestorben.
(entnommen aus "Die schönsten Sagen aus Schlesien - Neu erzählt für jung und alt von Jochen Hoffbauer", 1965, 2.Auflage)
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