...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Die Hahnenkrähe

26.03.2014 15:39

Um das Ende der unglücklichen Kreuzzüge lebte in Breslau der Ritter Henzko mit seinem guten Weibe in Zufriedenheit und stillem Glück. Als er aber erfuhr, wie andere Ritter im Morgenlande für die christliche Sache kämpften und dabei glänzenden Ruhm erwarben, kam eine große Unruhe über ihn. Es litt ihn nicht länger daheim. Er schwang sich auf sein Ross, ritt bis in die Türkei, nahm dort ein Schiff und segelte in das Heilige Land. Viele gefährliche Abenteuer bestand er im Morgenlande, eines Tages aber wurde er in einem harten Gefecht gegen dreifache Übermacht gefangengenommen und zu schwerer Sklavenarbeit in ein Bergwerk verschleppt. Hier verlebte er bittere Jahre. Seine Gedanken gingen oft zu der fernen Heimat, wo sein treues Weib vergeblich auf ihn wartete.

Als die Blätter zehnmal von den Parkbäumen gefallen und zehnmal der weiße Winter in das Land gezogen war, dachte Maria: Mein Henzko ist tot und kommt nicht mehr wieder. Da die Verwaltung der ausgedehnten Güter eines Mannes Hand erforderten, gab sie schließlich dem Drängen eines würdigen Bewerbers nach. Der Hochzeitstag wurde festgesetzt und alles zu diesem Fest vorbereitet.

In dieser Zeit bedrückten den gefangenen Ritter im fernen Morgenlande unruhige Träume. Eines Nachts weckte ihn das grelle Krähen eines Hahnes. Er fuhr in die Höhe und sah sich um. Da hockte im Winkel neben seinem bescheidenen Bett ein gefiedertes Ungetüm, das von bläulich-magischem Licht umstrahlt war. Das märchenhafte Wesen sprach zu ihm mit menschlicher Stimme: "Höre, tapferer Ritter! Morgen, wenn die Sonne am höchsten steht, hält dein Weib in Breslau mit einem anderen Hochzeit. Was gibst du mir, wenn ich dich dazu hinführe?"

"Kannst du mich noch vor Sonnenaufgang in meine Heimat bringen", schrie Henzko, "dann verlange von mir, was du willst, und sei es meine arme Seele!"

Der Versucher versprach, noch vor dem ersten Hahnenschrei vor Breslaus Toren zu sein. Sollte der Hahn jedoch krähen, ehe Breslau erreicht sei, so wäre der Ritter seiner Verpflichtungen ledig. Henzko setzte sich nun auf das gefiederte Reittier. Der Flug durch die Lüfte begann, und dem Ritter schwanden die Sinne. Als er erwachte, graute bereits der Morgen. Unter sich sah er Städte und Dörfer, Felder und Wälder seiner schlesischen Heimat.

Schon erkannte er in der Ferne die Türme, Giebel und Mauern Breslaus. Gerade auf das Nikolaitor zu ging die stürmische Fahrt, und schon senkte sich das Wundertier mit ihm zur sicheren Erde hinab. Henzko erfüllte Freude und Schmerz zugleich: "Oh Heimat, oh Weib", seufzte er, "um euch habe ich mein Seelenheit gegeben!"

Eben fiel der erste helle Sonnenstrahl auf das Kreuz des Elisabethturmes, da krähte in einem Gehöft am Wege der Hahn - und aller nächtlicher Zauber war damit zunichte. Einen Wutschrei ausstoßend, schleuderte der betrogene Teufel den Ritter von seinem Rücken. In einer stinkenden, schwarzen Dampfwolke verschwand er wieder in den Lüften.

Dem Geretteten krachten beim Aufprall auf die Erde sämtliche Rippen. Doch achtete er nicht der Schmerzen, sondern eilte, des unheilvollen Bündnisses mit dem Teufel ledig, voller Hoffnung in seine Vaterstadt. Der Totgeglaubte wurde von seinem Weibe mit Jubel und Freude empfangen, und der nunmehr überflüssige Bräutigam mußte sich mit guter Miene in das Unabänderliche schicken. Maria schritt an Henzkos Seite zur Kirche, um Gott für diese wunderbare Errettung zu danken.

Zur Erinnerung an diese Begebenheit ließ Ritter Henzko an der Stelle, wo er zwar unsanft, aber glücklich zur Erde niederkam, eine steinerne Säule errichten. Sie befindet sich unweit von Breslau, unmittelbar an der Kreuzung der Berliner mit der Posener Bahn. Auf einem meterhohen Sockel erhebt sich eine etwa vier Meter hohe achteckige Sandsteinpyramide, die einen tabernakelartigen Aufbau trägt. Die vier Seiten dieses Gehäuses zeigen Reliefdarstellungen: einen Reiter, den Heiland am Kreuz, ein lateinisches W und einen Hahn.

Die Säule wird heute noch die "Hahnenkrähe" genannt. Ernste Forscher behaupten, daß es sich um ein altes Grenzzeichen handle. Aber die Sage um des Kreuzritters Henzko wunderbare nächtliche Reise vom Morgenland nach Breslau wurde von den Bürgern um so lieber geglaubt, als sich an ihr wieder einmal mehr bewies, daß Treue, Liebe und Hoffnung keine vergeblichen Tugenden sind. Und diese Tugenden haben die Breslauer, wie alle Menschen im weiter Erdenrund, zu allen Zeiten gebraucht.

 

(entnommen aus "Die schönsten Sagen aus Schlesien - Neu erzählt für jung und alt von Jochen Hoffbauer", 1965, 2.Auflage)

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