...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!
Die Abendburg
16.03.2014 15:47Wer auf dem Hohen Iserkamm in der Gegend des Hochsteins bei Ober-Schreiberhau wandert, erreicht in kurzer Zeit auch die wildromantische Felsmasse der Abendburg. Unweit davon, in der Josephinenhütte, ist die schlesisch-böhmische Glasbläserkunst zu Hause. Wo heute in einsamer, schweigender Bergwelt die grauen zerklüfteten Felsen aufragen, stand vor vielen hundert Jahren ein glänzendes Schloß, erbaut von einem heidnischen Fürsten. Gewaltige Schätze an Edelmetall und Edelsteinen liegen, von einem bösen Zauberer bewacht, in den unterirdischen Räumen verborgen.
Von diesem Zauberer wird erzählt, daß er die schöne Tochter des Schloßherrn zur Frau begehrte. Da sie ihm aber ihre Hand verweigerte, verzauberte der unheimliche Freier das Schloß mitsamt seinen Bewohnern, mit allen Rittern, Knappen, Reisigen, Köchen, Mägden, Burschen und aller Dienerschaft.
Bevor dies geschah, soll bereits der böhmische König Wenzel die Abendburg zu erobern versucht haben. Seine Krieger und Werkleute wurden aber durch Geistermacht erschreckt und verjagt.
Wer den bösen Zauber, der auf der Abendburg liegt, brechen will, muß drei schwere Rätselfragen beantworten. Diese werden ihm von dem riesengroßen schwarzen Geist gestellt, der auf eine Beschwörung hin zur Mitternacht erscheint. Es ist aber bisher noch keinem gelungen, die drei Aufgaben richtig zu lösen. Jeder, der es versuchte, wurde durch die seltsame lange und finstere Erscheinung des Geistes so erschreckt, daß er seine Gedanken nicht mehr auf die Aufgaben konzentrieren konnte.
Einst versuchten auch drei beherzte Männer die Lösung des Zauberbannes. Einer von ihnen war ein Beschwörer. Zur Mitternachtsstunde fanden sie sich bei der Abendburg ein. Der Zauberkundige zog geheimnisvoll seinen Kreis und begann mit der Beschwörung, und urplötzlich stand die Gestalt des baumlangen Banngeistes vor ihnen. Das Entsetzen durchfuhr die drei Waghalsigen wie ein Blitz, und es war so lähmend, daß sie nicht die einfachsten Fragen beantworten konnten. In gewaltigem Zorn und mit donnerartig dröhnender Stimme brüllte der Burggeist die drei wackeren Männer an. Und so schnell es ihr Schreck gestattete, liefen sie davon. Bis zum dämmernden Morgen irrten sie angstgepeitscht im wilden Wald umher. Ein wolkenbruchartiger Regen rauschte nieder. Die Männer wurden jedoch nicht nass davon. Einer der Flüchtigen fand schließlich Zuflucht im Hause einer Schwester in Schreiberhau. Die beiden anderen Kumpane blieben für immer verschwunden.
Unheimlich war auch das Erlebnis eines alten Waldhüters bei der Abendburg. Als er eines Tages auf seiner üblichen Streife durch den Forst dort vorüberkam, sah er unmittelbar vor dem Eingang einen mächtigen Bären liegen. Schnell griff der Forstmann nach seiner Büchse und legte auf das Untier an. Der Schuss krachte. Zu seinem höchsten Erstaunen merkte der Jäger nun, daß er keine Flinte mehr besaß. Seine rechte Schusshand war umgedreht, und erst nach langem Mühen konnte sie ihm ein heilkundiger Schäfer, von denen es seinerzeit viele im Gebirge gab, wieder in die natürliche Lage bringen. Sein Gewehr fand er nicht mehr wieder. Aber auch der große Bär blieb seit jenem Schuss verschwunden.
Ein wunderschönes, überwältigendes Bild von der Abendburg bekam ein böhmischer Schmuggler, der einmal dicht an dem Felsbau vorbeiging. Zu seiner großen Überraschung sah er an Stelle der wild durcheinander gewürfelten Bergtrümmer und Steinbrocken ein prächtiges, von Mauern, Gräben, Wällen und Türmen umgebenes Schloß. In Bad Flinsberg und Umgebung glaubt man, alljährlich in der Johannisnacht zwischen elf und zwölf Uhr vom Haumberg aus die Abendburg in ihrer einstigen stolzen und unberührten Schönheit erblicken zu können.
(entnommen aus "Die schönsten Sagen aus Schlesien - Neu erzählt für jung und alt von Jochen Hoffbauer", 1965, 2.Auflage)
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