...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Der Vogel Greif

16.03.2014 14:38

Im Schatten des "großen Bruders", des majestätischen Riesengebirges, erstreckt sich im Südwesten des Schlesierlandes zwischen Tafelfichte und Hohenstein das malerische, verträumte Isergebirge, immer noch mit dichten Wäldern bedeckt und mit Bergen an die tausend Meter hoch.

Vorgelagert diesem Gebirgskamm, der die Grenze zwischen Schlesien und Böhmen bildet, erhebt sich zwischen den Städten Greiffenberg und Friedeberg der Greiffenstein, eine verfallene Burgruine. Als im 14.Jahrhundert unter Herzog Bolko friedliche Hirten in diesen lieblichen Tälern um den Gebirgsfluß Queis wohnten und dort ihre Herden weideten, hauste der Vogel Greif im Walde auf einem gewaltigen Baume, der Maleiche. Er war der Schrecken des ganzen Landes. Mensch und Tier verbargen sich zitternd, wenn sein machtvoller Flügelschlag durch die Luft rauschte. Keine Herde war vor ihm sicher. Er vermochte einen ausgewachsenen Ochsen mit seinen Klauen davonzutragen. Für seine junge Brut aber raubte er unzählige Schafe und Ziegen. Großes Wehklagen erscholl bei den Bauern und Hirten ringsumher. Die Leute sagten, das Untier - 20 Ellen maß es von Flügelspitze zu Flügelspitze - werde große Armut über das Land um Bober und Queis bringen.

Als das Ungetüm sogar Kinder raubte und tötete, erließ der Herzog von Schlesien einen Aufruf. Wer den Vogel Greif mit seiner Brut vernichtete, der sollte fürstlich belohnt werden. Große Summen Geldes wurden dem Retter versprochen. Da aber die mutigsten Ritter nichts gegen den Unhold auszurichten vermochten und etliche dabei sogar ihr Leben verloren, entschloß sich der Landesfürst, dem Sieger als Preis seine eigene schöne Tochter zu versprechen, um den Mut der Ritter zu beflügeln.

Nun wohnte in der Nähe ein junger Schäfer, der Gotsche Schoff, der hatte einst die Herzogstochter auf Burg Lähnhaus gesehen und sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Der Hirte war sich jedoch im klaren, daß es eine unerfüllbare Liebe bleiben mußte. Jetzt aber bot sich ihm die Gelegenheit, seine heimliche Neigung zu erfüllen. Der Gotsche Schoff kannte und fürchtete den unheimlichen Vogel ebenso wie alle Ritter, Bauern und Hirten im Land. Aber er kannte die Gewohnheiten des Vogels, hatte ihn wochenlang beobachtet, er verstand sich auf die Zeichen der Natur und hörte noch die Stimmen des Waldes in der Nacht. Der junge, verliebte Hirte wußte daher, daß der Vogel Greif am Morgen immer wegflog und erst gegen Abend mit seiner Beute für die Brut zum Nest zurückkehrte.

Mit einer langen Stange und einem scharfen Beil machte sich Gotsche auf den Weg zur Maleiche, nahm auch Brot und Wegzehr für einige Tage mit und fand in der Nähe der Maleiche eine Höhle. Dort verbarg er sich, bis der alte Vogel am frühen Morgen des nächsten Tages seinen Horst in gewohnter Weise verließ.

Schnell sammelte der Hirt nun dürres Reisig, steckte es an die lange Stange, zündete das Bündel an und konnte damit das Greifennest auf dem Baum erreichen und in Brand stecken. Die jungen Vögel fanden in den Flammen den Tod. Ihr Todesgeschrei aber lockte den alten Greif herbei. Mit seinen weiten, starken Flügeln versuchte er, den Brand zu ersticken. Allein er entfachte dadurch nur noch größere Glut und verletzte sich dabei so sehr, daß er mit Schmerz- und Wutgeschrei aus dem Wipfel des Baumes herabstürzte und direkt vor dem mutigen Hirten niederfiel.

Gotsche sprang sofort herbei. Er wich den wütenden Schnabelhieben des verwundeten Riesenvogels geschickt aus und brachte dem fauchenden Ungeheuer mit seinem Beil mehrere tödliche Hiebe bei, bis dieser verendet vor seinen Füßen liegen blieb. Der Hirt wollte erst nicht glauben, daß dies das Ende des unersättlichen Räubers sein sollte. Aber der Vogel Greif bewegte sich nicht mehr.

Unter herzlichem Jubel des Volkes wurde das tote Tier nun von starken Ochsen zu Tal geschleift. Gotsche nahm auch die drei Köpfe der jungen Vögel mit.

In seiner Neuburg hielt der schlesische Herzog gerade Hof, als der junge, strahlende Sieger vor ihn hintrat und das gelungene Abenteuer meldete. Stolz hielt der Hirt die drei jungen Greifenköpfe in der Rechten. Des Herzogs Auge ruhte mit Wohlgefallen auf dem armen Schäferkind. Auch der blühenden Herzogstochter Agneta gefiel der schmucke Bursche. Die Ritter im Saale murrten darüber, daß ein Unadeliger des Herzogs Töchterlein erhalten sollte. Der Fürst indessen war ein rechtdenkender Mann. Was er einmal versprochen hatte, das pflegte er zu halten. Herzog Bolko schlug den Schäferjungen augenblicklich zum Ritter und übergab ihm die Neuburg als Rittersitz. Von da an hieß die Burg Greiffenstein.

Der kluge Herzog bedachte wohl, daß seinem Schwiegersohn das notwenige Land fehlte. Deshalb befahl er ihm, am nächsten Morgen mit seiner Schafherde auszuziehen. Es sollte ihm in Zukunft alles Land gehören, das er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang umtreiben werde.

Das ließ sich der pfiffige Hirte nicht zweimal sagen. In aller Herrgottsfrühe machte er sich auf den Weg und erwarb sich ein weites Gebiet zu Füßen des Iser- und Riesengebirges.

Dann aber übte er sich in allen ritterlichen Übungen, zog in die weite Welt und gewann im Dienste des Kaisers Ruhm und Grafentitel. Auf Burg Greiffenstein wartete indessen Agneta mit Sehnsucht auf ihren Gemahl. Zwei Jahre war der heldenhafte Ritter schon fort, als auf Burg Lähnhaus am Bober ihr zwanzigster Geburtstag mit einem prächtigen Turnier gefeiert wurde. Zur Überraschung der vielen Teilnehmer von nah und fern erschien kurz vor Turnierbeginn ein fremder Ritter in schwarzem Harnsich. In seinem Schilde führte er als Zeichen drei Greifenköpfe. Der schwarze Ritter besiegte alle Ritter, die gegen ihn antraten, und gab sich am Schluß des Turniers als Agnetas Gatte zu erkennen. Die Freude des Volkes kannte keine Grenzen. Die Tat des einfachen Hirtenjungen hatte damals schon die Herzen der einfachen Menschen höher schlagen lassen. Nun war es dem tapferen Ritter gelungen, sich auch in seinem neuen Stand zu beweisen. Er war der kühnste und würdigste Ritter von allen.

Gotsche Schoff wurde der Begründer des berühmten schlesischen Geschlechtes der Schaffgotsch, dem bis zur Vertreibung erhebliche Ländereien im Gebirge gehörten. Die Stadt jedoch, die sich bald zwischen den Wiesen und Wäldern entwickelte, bekam den Namen Greiffenberg.

Wenn wir als Kinder auf der Burgruine Greiffenstein herumstrolchten, dachten wir an den schrecklichen Vogel Greif, an den tapferen Gotsche Schoff, an Hans Ulrich von Schaffgotsch, den 1635 in Regensburg das Schwert des kaiserlichen Henkers unverdienterweise traf, und an die Ahnfrau, von der es hieß, daß sie in mondhellen Nächten durch die Räume der verfallenen Burg schwebe, um schließlich in der "Blauen Kammer" zu verschwinden.

 

(entnommen aus "Die schönsten Sagen aus Schlesien - Neu erzählt für jung und alt von Jochen Hoffbauer", 1965, 2.Auflage)

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