...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!
Der nächtliche Pflüger
12.05.2014 09:29Um die Mitte des 15.Jahrhunderts gehörte das weitläufige Gebiet von Hohenstadt dem Herrengeschlecht der Tunkel an. Einer von ihnen war ein leidenschaftlicher Liebhaber der Fischerei. Und da der große Damm des Zaworschitzer Teiches dem Einsturz nahe war, ließ er einen neuen Teichdamm aufführen. Mit unerbittlicher Strenge und Härte gegen die Arbeiter brachte er dieses Werk zustande. Doch die Tränen und Flüche der armen Fronleute riefen die Strafe des Himmels über diesen hartherzigen Zwingherrn herab. Er starb, obzwar noch im rüstigen Mannesalter stehend, eines plötzlichen Todes und konnte auch im Grabe keine Ruhe finden.
Seine junge schöne Frau saß oft auf dem Teichdamm und vergoß bittere Tränen um den so früh Gestorbenen. Einmal überraschte sie die Mitternacht. Da sah sie, wir ihr toter Gatte ächzend und gebeugten Rückens dem Wasser entstieg. Zugleich tauchte aus der Flut ein riesenhafter Pflug aus glühendem Eisen empor. An diesen spannte Tunkel zwei rabenschwarze Pferde mit langen Mähnen, feurigen Augen und glühenden Hufen. So pflügte er die Wellen, daß durch die dunkle Nacht die Funken sprühten. Beiderseits aber standen böse Geister, die auf den Pflüger mit Peitschen schlugen und dazu heulten: "Hauts nur den Tunkel! Solang das Wasser plätschert, hauts ihn!" Dies dauerte bis die Uhr vom nahen Schloßturm Eins schlug, dann verschwand die Erscheinung.
Die vor Entsetzen ohnmächtige Edelfrau rief, sobald sie wieder zur Besinnung gekommen war, mit lauter Stimme: "Was kann ich tun, um dich zu erlösen?" Da teilte sich von neuem das Wasser, eine schattenhafte Gestalt tauchte auf und sprach: "Ich bin erlöst, wenn du mit eigenen Händen alle Steine, die der Schweiß meiner Untertanen hier zusammengefügt hat, zu ihrem früheren Ort zurückträgst."
"Das ist unmöglich!", rief die Frau verzweifelt, worauf die Erscheinung verschwand.
Und noch heute, wenn um Mitternacht Gewittersturm um das Hohenstädter Schloß braust und grelle Blitze und Donnerkrachen die Bewohner aus dem Schlaf schrecken, dann bekreuzigen sich die Menschen und sagen: "Heute pflügt der Tunkel mit dem glühenden Pflug, Gott beschütze uns vor allem Unheil!"
(entnommen aus "Die schönsten Sagen aus dem Schönhengstgau", Dr. Gustav Korkisch, 1953)
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