...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Der lange Mann

11.09.2014 19:30

Im Mordgäßchen zu Hof war es seit unvordenklichen Zeiten nicht ganz richtig. Niemand, weder Mann noch Weib, wäre nach dem Gebetläuten oder gar in der Geisterstunde noch durch die verrufene Gasse gegangen, und wer es doch mußte, sprach ein andächtiges Vaterunser und sah nicht um und nicht auf.

Einmal hatte sich eine ehrbare und angesehene Frau bei ihrer kranken Base in der Mordgasse verspätet und mußte nun wohl oder übel den Heimweg in der Nacht antreten. Weil aber der Himmel voller Sterne stand, drückte sie furchtlos die Tür hinter sich in das Schloß und schritt wacker aus. Plötzlich sah sie vor sich am Eingang des Gäßchens einen riesigen Mann wie einen großen, schwarzen Schatten gegen sich daherkommen. Ein langes, dunkles Gewand schlotterte um die Gestalt, als ob darunter weder Fleisch noch Bein sei, und die Füße standen weit auseinander an den beiden Seiten der Gasse wie bei einem, der jeden Augenblick umzufallen fürchtet. So schritt das Gespenst langsam und lautlos die Füße weiterschleifend von Haus zu Haus und sah da und dort in die Fenster oder durch die Läden.

Der Frau rann ein Schauer durch alle Glieder und ihre Haare sträubten sich leise. Gerne wäre sie umgekehrt. Aber das Gespenst war schon zu nahe, als daß sie unbemerkt hätte bleiben können. So segnete sie sich mit dem heiligen Kreuzzeichen und schlüpfte dem Langen zwischen den Beinen durch. Im nächsten Augenblick hörte sie hinter sich diese Beine zusammenklappen. Das gab ein Geräusch, als ob ein Sack voll Knochen ausgeschüttet werde.

Am anderen Morgen lief die schlimme Kunde durch die Stadt, in der Nacht sei der "schwarze Tod", die Pestkrankheit, eingezogen und in der Mordgasse lagen schon die ersten Toten starr und entstellt in denselben Betten, die sie am Abend zuvor noch gesund bestiegen hatten.

- Grimm

 

(entnommen aus "Es war einmal - Sammlung bayerischer Sagen und Geschichten - Erster Band, Oberfranken", 1952, darin als Quelle vermerkt: "Coburger Heimatkunde: Mein Oberfranken, Heft 4")


 

 

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