...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Der Feuerpuhz

16.03.2014 14:14

Vor vielen hundert Jahren durchstreifte einst ein böser Zauberer die schöne Lausitz. In seinem Gepäck führte er einen Feuergeist mit sich, den man auch Salamander nannte. Er war in eine fest versiegelte Flasche gebannt und hatte die Gestalt einer Schlange. Der Zauberer konnte den Salamander zum Unheil und zum Untergang seiner Feinde aussenden, wann und wohin er wollte. Sprach der Zaubermeister aber das nur ihm geläufige Zauberwort, mußte der Feuergeist unverzüglich wieder in sein enges Behältnis, in die schmale Flasche zurückkehren.

Auf seinen Wegen durch das Schlesierland kam der Zauberer damals auch nach Lauban. Von dieser behaglichen Kleinstadt sagten die Schlesier stolz: Lauban putzt der ganzen Welt die Nase! Das rührt daher, weil hier einst die Taschentuch-Industrie hoch entwickelt war; die Laubaner Leinentaschentücher gingen in aller Herren Länder.

Der müde Zauberer also, eben in Lauban angekommen und froh darüber, ein Quartier in einem alten Bürgerhause gefunden zu haben, stellte die Flasche mit dem Salamander arglos auf die Fensterbank seines Zimmers. So hatte denn er Feuergeist, den es lange schon juckte, endlich einmal frei zu werden, die Türme und Dächer der Handelsstadt vor seinen begehrlichen Augen. Aber was half es ihm: Fest daß der Pfropfen auf dem harten Glas!

Eines Morgens kam die Besenmagd des Hauses in das Zimmer, um während der Abwesenheit des Gastes das Zimmer zu säubern. Mit ihr huschte das vierjährige quicklebendige Töchterlein der Wirtin, Rosa mit Namen, mit in die Stube des Zauberers. Da gab es allerlei seltsame Dinge und Sachen zu sehen, zu betasten und zu untersuchen. Rosa spielte interessiert mit den magischen Geräten aus dem Gepäck des Zauberers, und so geriet sie dabei auch an die scheinbar belanglose und leere Flasche auf dem Fensterbrett. Neugierig, wie Kinder nun einmal sind, zog sie den Spund aus dem Flaschenhals. Wie erschrak aber Klein Rosa, als mit Pfeifen und Fauchen der gefangene Salamander haarscharf an ihrem Stupsnäschen vorbei aus der Flasche sauste. Er kreiste einmal durch das Zimmer und entschwand dann mit dem lauten Ruf: Das will ich den guten Laubanern nie vergessen! durch das offene Fenster.

Und der brave Feuergeist hat Wort gehalten: In der Gestalt einer Pyramide oder einer Schlange durchfliegt der Salamander noch heute die Straßen der Stadt Lauban, wenn Feuersgefahr droht, und er bleibt zur Warnung der Bewohner über dem Hause stehen, in welchem das Feuer ausbrechen wird.

Die Laubaner aber nennen ihn den Feuerpuhz. Und die gelehrten Köpfe, die ja nicht eher Ruhe geben, bis sie das letzte Quentchen Geheimnis gelüftet haben, zerbrechen sich seither die Köpfe darüber, woher wohl dieser seltsame Name stammt. Die einen sagen, Puhz bedeute so viel wie Puhst und das komme von pusten, also starkem Blasen, wobei sie vor allem an das jähe Herausfahren aus der Flasche gedacht haben mögen. Die anderen meinen, das Wort Puhz komme von Butz, womit man in manchen Gegenden einen Poltergeist, auch einen irrwischartigen Kobold bezeichnet.

Doch mögen sich die Sprachforscher darüber die Köpfe heiß reden, die Laubaner jedenfalls werden in den Februar- und Märztagen des Jahres 1945, als die Brandfackel das Städtchen schwer zerstörte, an ihren guten Feuerpuhz gedacht haben. Aber diesmal vermochte er ihnen nicht zu helfen: Schneller als er war die Gewalt der Zerstörung und Vernichtung.

 

(entnommen aus "Die schönsten Sagen aus Schlesien - Neu erzählt für jung und alt von Jochen Hoffbauer", 1965, 2.Auflage)

—————

Zurück