...herrlich ist dies Stückchen Erde, und ich bin ja dort daheim!


Der Binger Mäuseturm

25.05.2014 11:55

Zu Bingen ragt mitten aus dem Rhein ein hoher Turm, von dem nachstehende Sage umgeht:

Im Jahre 974 ward große Teuerung in Deutschland, daß die Menschen aus Not Katzen und Hunde aßen und doch viele Leute Hungers starben. Da war ein Bischof zu Mainz, der hieß Hatto der Andere, ein Geizhals, dachte nur daran, seinen Schatz zu mehren, und sah zu, wie die armen Leute auf der Gasse niederfielen und in Haufen zu den Brotbänken liefen und das Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein Erbarmen kam in den Bischof, sondern er sprach: "Lasset alle Armen und Dürftigen sammeln und in einer Scheune vor der Stadt, ich will sie speisen."

Und wie sie in die Scheune gegangen waren, schloß er die Türe zu, legte Feuer an und verbrannte die Scheune samt den armen Leuten, jung und alt, Mann und Weib. Als nun die Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief Bischof Hatto: "Hört, hört, wie die Mäuse pfeifen!"

Allein Gott der Herr plagte ihn bald, daß die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und an ihm fraßen. Er vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider sie zu halten und zu bewahren. Da wußte er endlich keinen andern Rat, als sich einen Turm bei Bingen mitten im Rhein bauen zu lassen, der noch heutigentags zu sehen ist, und meinte, sich darin retten zu können. Aber die Mäuse schwammen durch den Strom heran, erklommen den Turm und fraßen den Bischof lebendig auf.

Diese Sage mag dadurch entstanden sein, daß man im Volksmund aus dem Wort "Mautturm" das Wort "Mausturm" machte. Tatsähclich wurde der Turm an der Grenze des Mainzer Gebietes zur Sicherung des Rheinzolls errichtet. Auch trug zur Entstehung der Sage vielleicht der Umstand bei, daß der Erzbischof Hatto der Zweite nur zwei Jahre, nämlich von 968 bis 970, im Amt war. Und so sind die den Kirchenfürsten verfolgenden Mäuse vielleicht nichts anderes als ein Bild der Sage für sein schlechtes Gewissen.

Eine ähnliche Vermutung äußert auch Karl Simrock in seinen Buch "Der Rhein". Er schreibt:

"Wenn wir übrigens der viel gewanderten Sage ins tiefste Herz blicken, so sehen wir sie aus einer sehr einfachen Wahrnehmung hervorgehen. Wer viel Korn speichert, der lädt sich die Mäuse gleichsam ins Haus, und gierig verschlingen sie, was hilfloser Armut unbarmherzig versagt wurde. Ist das Korn aufgezehrt, so fallen sie über andere Lebensmittel her, benagen selbst Unessbares, und so ist es nicht einmal sehr kühn gesagt, daß Kornwucherer von Mäusen geplagt, verfolgt und aufgefressen würden. Diesen bildlichen Ausdruck nun hat die Phantasie ergriffen und zum Märchen erhoben."

 

(entnommen aus "Das rheinische Kinderbuch", Rudolf Herfurtner, 1980)

 

(entnommen aus "Das rheinische Kinderbuch", Rudolf Herfurtner, 1980)

Mehr Infos: https://deutsche-lande.webnode.com/news/der-geisterkampf-auf-der-feste-landskron-bei-oppenheim/

 

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